Krisen


Anneliese Useldinger


Die Krise - griechisch Krisis, dieses Wort, zur Zeit sehr aktuell, kann verschiedene Bedeutungen haben:

1. In der Wirtschaft bezeichnet es einen Teilabschnitt im Ablauf einer Hochkonjunktur, die plötzlich abbricht und in eine Depression mündet, also in einen Tiefstand übergeht. Das was wir gerade jetzt erleben, ist jedoch nicht neu; so gab es in den letzten Jahrhunderten große Krisen, wie z.B. die holländische Tulpenkrise 1637; 1720 - eine ständige, von Spekulationen getriebene Neuausgabe von Papiergeld, von Aktien und Banknoten löste eine Papiergeldinflation aus, die sich besonders in Frankreich als schwere Krise auswirkte; 1873 Ende der Gründerjahre, schon 1907 gab es eine Wirtschaftskrise, aber die schlimmsten Ausmaße erreichte die Wirtschaftskrise von 1929 bis 1932.

2. Krisis heißt auch Entscheidung, Wendepunkt, besonders bei fieberhaften Krankheiten.

3. Auch ein wichtiger Abschnitt in psychologischen Entwicklungsprozessen, in denen sich Verlauf und späterer Ausgang entscheiden. Solche Entwicklungsvorgänge sind kindliche Trotzphasen, Pubertät und Klimakterium, in denen sich der Mensch verändert. Auch berufliche, familiäre und andere schwerwiegende Entscheidungssituationen können sich zu tief greifenden persönlichen Krisen ausweiten.

Aber die Krise in Wirtschaft und Finanzwesen nimmt bei den Bedeutungen des Wortes Krise den Vorrang ein, weil durch diese Verschlechterungen viele Menschen eines Landes oder gar der ganzen Welt betroffen sind. Viele verlieren bei einschneidenden Verlusten ihre Geldmittel, Immobilien oder Rücklagen die Lust am Leben und stürzen sich verzweifelt in den Selbstmord. Auch in den letzten Jahren hat es das gegeben, so schmiss sich ein Herr Merkle vor einen S-Bahnzug, weil er die starken Einbußen seines Vermögens nicht bewältigen konnte. Sicher trifft es dabei die Reichen eher als die Ärmeren, die nur wenig verlieren. Was treibt die Menschen dazu, eine Krise zu installieren? Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass in der katholischen Todsündenordnung die Habgier an erster Stelle steht. Ich hätte eher dem Neid diesen 1. Platz zugebilligt. Aber die Habgier ist noch weiter verbreitet als der Neid und die Missgunst. Sind es alte Jägerinstinkte der Steinzeitmenschen, die darauf bedacht sein mussten, möglichst viel Wild zu erlegen, um überleben zu können? Ist es der viel verbreitete Wunsch von Eltern, die es ihrem Nachwuchs ermöglichen wollen, dass er es im Leben besser haben möge als sie selbst? Oder ist es einfach das heiße Streben nach Macht, die ja nun mal hauptsächlich auf Besitz basiert? Manchmal hat mich schon der Gedanke beschlichen: Wäre es nicht besser gewesen, dem Menschen auch nur den Instinkt zu geben anstatt des Verstandes, mit dem er ja doch viel zu viel Unheil anrichtet? Wir leben auf einem Planeten der Unvollkommenheit, nichts ist 100%ig gut, und nichts ist ebenfalls 100%ig schlecht. Die Qualität bestimmt nicht nur unser Atmen, Tag und Nacht usw., sondern auch unser Wesen, unser Tun und Handeln - Gut und Böses. Eine Krise entsteht in der Regel, wenn eine Sache aus dem Ruder läuft, sprich die Kontrolle versagt und der Hang zum Bösen die Oberhand gewinnt, und das von meist nur einer Handvoll Menschen inszeniert und von den anderen entweder nicht erkannt oder aus Gleichgültigkeit, Feigheit oder Dummheit nichts dagegen rechtzeitig unternommen wird. Da denke ich gerade an das Gegenstück, das uns jetzt im Oktober 2009 an die Geschehnisse vor 20 Jahren in Leipzig bewegt. 70.000 Menschen standen auf gegen eine gnadenlose Diktatur, die zunächst alles tat, um diese friedlichen Aufstände niederzuschlagen, und das mit Gewalt. Verblüffend war die Einsicht der Gewaltsausübenden: "Auf alles waren wir vorbereitet, aber nicht auf Gebete und Kerzen!" Gäbe es doch in Wirtschaft und Finanzwesen solche Mutigen, die gegen die unersättliche Habgier der Bänker, Manager, Börsenmakler usw. sich erheben und ihr verhängnisvolles Vorgehen bremsen würden! Aber das ist nur ein Wunsch aus der Froschperspektive, der keinen Zugang zur Realität zu haben scheint.

Und da ist noch etwas, das eine große Nebenrolle bei diesen verruchten Machenschaften spielt: der Drang nach Freiheit. Amerika hat lange von der begrenzten Freiheit geträumt, aber die gibt es nicht in der Realität. Wenn dieses grenzenlose Freiseinwollen durchbricht, dann führt es schnell zu Missbrauch, uferloser Habgier und Verarmung der Mittelschicht. So spielen die USA seit geraumer Zeit Weltpolizist und glauben, dass nur sie das Recht hätten, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben hätten. Durch diese Rücksichtslosigkeit auf andere, gleichberechtigte Kulturen und Lebensstile wird viel zerstört, Menschenleben kommen zu schaden und ganze Landstriche veröden. Wie können wir, die wir den Amis alles nachäffen, diesen bösen Traum wieder abschütteln und mit unseren Nachbarn nah und fern im Frieden leben mit einer beschränkten Freiheit, denn die Freiheit des Einzelnen geht n u r bis zur Grenze der Freiheit des Nächsten!

Wie entstehen Krisen?
Es war die Ideologie der Freiheit, die zu einem gefährlichen System ausartete, es ließ die Banken machen was sie wollten, die Geldinstitutionen und großen Versicherungen sind zu Monstern mutiert und haben nicht nur die USA, sondern auch die ganze Welt in diese Krise gestürzt. Nun liegt dieses globale Monster am Boden, und es liegt an den Regierungen weltweit, es so zu fesseln, dass es nicht wieder aufsteht.

Ehrliche Kritiker bezweifeln, das dass gelingt, weil die Macht des Geldes inzwischen einen so unumstößlich hohen Stellenwert erreicht hat, so dass nicht nur unsere Regierung auf einmal sehr schnell handelt und Geldberge locker macht um verschuldete Banken zu retten, anstatt sie auch mal in die Pleite stürzen zu lassen wie andere Betriebe und mit ihnen Tausende von Arbeitsplätzen.

Der Glaube der Erfolgsoptimierung, Profitgier und Rücksichtslosigkeit gilt längst als das arttypische Verhalten der Menschen schlechthin. Das der Mensch seinem Wesen nach Kapitalist sei, das ist der Glaube unserer Zeit. Natürlich gibt es auch die gegenteilige Meinung, so z.B. von Adam Smith, der glaubt, der Mensch sei von Grund auf gut. Dagegen spricht das Alte Testament eine andere Sprache: "Des Menschen Herz ist zum Bösen geneigt von Jugend auf." Ein altes Sprichwort sagt, dass Geld den Charakter des Menschen verderbe. Wir kennen auch die Parabel vom reichen Jüngling, der Jesus nachfolgen aber sein Hab und Gut nicht verschenken wollte. Darauf antwortet der Meister: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich." Die Habgier und das Machtstreben verdunkeln den Ausblick auf das Lebensende, den Tod jedes einzelnen, das ist die einzige wahre Gerechtigkeit auf dieser Erde. Keiner kann von all dem, was er ehrlich oder unehrlich erworben hat, nicht ein Jota mitnehmen. Aber dieser Gedanke ist so unpopulär wie kein anderer und wird einfach verdrängt.

Marion Gräfin Dönhoff, die am 2. Dezember 2009 hundert Jahre alt geworden wäre, hat die Vorzeichen der jetzigen Krise richtig erkannt und davon gesprochen, dass dieser schon zu ihren Lebzeiten erkennbare "Raubtier-Kapitalismus" durch strengere Regeln besonders im Finanzwesen gezügelt werden müsse. Ein weiterer Satz von ihr lautet: "Eine freie Republik kann nicht ohne Tugend sein". Mögen solche Sätze auch belächelt werden, einer - ich glaube es war Helmut Schmidt - hat ihre Warnungen ernst genommen und angeregt, "dass der Kapitalismus zivilisiert werden müsse", und auch er hat versucht, diese unbequemen Vorgaben durch Kontrollen und strenge Auflagen zu erhärten, umsonst. Auch auf ihn hat keiner gehört, und so konnte sich diese unbegrenzte Habgier weiter ausbreiten und viele anständigen Sparer in den Ruin treiben. Auch der sich durch Jahrhunderte immer wiederholende Völkermord gehört zur Krise, eine Minderheit gerät in Bedrängnis und soll ausgerottet werden, Menschen in der Krise, ihre Angst vor Verfolgung, Misshandlung und Mord versetzt sie in Panik. Vor kurzem sah ich eine Dokumentation im Fernsehen, wie der amerikanische Verfasser des Buches "Hitlers willige Vollstrecker" Goldhagen mit seinem Vater die Stelle nahe einem östlichen KZ besuchte, wo dieser als 10jähriger Junge mitansehen musste, wie seine ganze Familie von der SS erschossen wurde und er den Tod vor Augen hatte. Dieser Vater Goldhagen beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema Völkermord. Dabei taucht die Erkenntnis auf, dass wie bei den Wirtschaftskrisen die Menschen nichts dazu lernen und es immer wieder tun weltweit.

Was muss geschehen, dass eine nachhaltige Änderung der Menschen dieser Erde bewirken könnte? O, es gibt viele Rezepte dagegen, aber die werden nicht von denen befolgt, die sich immer wieder an ihren Mitmenschen vergehen, sei es durch Kriege, Genozide oder Geldkrisen. Es gibt viele Prophezeiungen, die ein Jahrtausend des Friedens vorhersagen nach globalen Naturkatastrophen, Überschwemmungen usw. Aber die können uns nicht weiterbringen, abgesehen davon, dass keiner den genauen Zeitpunkt des Eintreffens dieser frommen Visionen kennt. Wir sollten wieder mehr Zeit füreinander, besonders für unsere Kinder haben und sie nicht einfach dem Bildschirm überlassen, mehr Respekt vor dem Partner und weniger Scheidungswünsche aufkommen lassen, echte Toleranz üben, und zwar gegenseitig. Mehr Bescheidenheit und Zufriedenheit mit dem Erreichten würde diese hässliche Hydra Habgier bremsen, und sicher gäbe es dann auch weniger Streit in unserer Gesellschaft.

Nach dem Einsturz der Zwillingstürme in New York am 11. September 2001 hat ein Liedermacher, der gerade an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feierte, seine Gedanken dazu in einem seiner Lieder zusammengefasst. Er sagt sinngemäß, dass wir alle bei uns anfangen müssten, Frieden mit unserem Umfeld zu schaffen, und wenn viele das tun, dann könne es nicht mehr zu solchen katastrophalen Krisen kommen.

(c) Anneliese Useldinger / Bonn


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