Der Turmbau zu Babel


Anneliese Useldinger


Im Buch Moses taucht der Bericht über den Turmbau zu Babel auf, Gen. 11, 1 - 9.

Nachdem die Menschen das Brennen von Lehmziegeln und deren Verwendung als Bausteine erfunden hatten, sprachen sie zueinander: "Auf bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen. Dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen." Dass es anders kam, weil der Herr herabstieg und ihre Sprache verwirrte, die ihnen bisher verstehbar und geläufig war, das wissen wir aus den folgenden Versen der Bibel. Und als sie sie sich nicht mehr untereinander verstehen konnten, hörten sie auf mit ihrem Bauen und zerstreuten sich doch über die ganze Erde. Die Stadt wo dies geschah, heißt ab dann Babel, d.h. Wirrnis. Und diese Menschen, die sich über die Erde verteilten und zerstreuten, nahmen ihre Baulust mit und fingen woanders an: "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze zum Himmel!" So finden wir in allen Erdteilen Städte und Türme mit Spitzen oder Kuppeln, die nicht zu zählen sind. Was trieb und treibt die Menschen immer noch zu diesem Tun in allen Kulturen, alten wie neuen?

Charakteristisch ist der Ausdruck: "und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel", woran sich die ursprüngliche Vermessenheit zeigt, das Aufbegehren der Geschöpfe gegen ihren Schöpfer, dem sie zeigen wollen, was sie können und dem sie näher und so sein wollen wie Er, ähnlich wie es schon vorher beim Fall der Engel passiert war. Es scheint fast unmöglich zu sein, die Demut des Geschöpfes und die rückhaltlose Anerkennung des allmächtigen Schöpfers nachhaltig anzuerkennen und zu bewahren. Durch die ganze Menschheitsgeschichte gibt es immer wieder solche Versuche hoch zu bauen mit Spitzen und Kuppeln und ähnlichem, um dem Himmel näher zu kommen, seien es die zahlreichen Pyramiden, nicht nur in Ägypten, sondern auch in Südamerika. Es wird sogar angenommen, dass auf dem Mars pyramidenähnliche Bauten entdeckt worden seien. Vielleicht stimmt es, dass Pyramiden ursprünglich Stätten des Gebets und der religiösen Andacht gewesen sein sollen, bevor sie zu Grabstätten der Herrschenden umfunktioniert wurden.

Aber auch Kirchen, Kathedralen, Klöster, Moscheen und Tempel folgen dieser Spur, vielleicht mit der großen Sehnsucht, in demütiger Verehrung und Liebe, Gott, Allah, Göttern oder Göttinnen näher zu sein. Andererseits treibt das Machtstreben vieler Erdenbürger sie immer wieder dazu an, neue Städte und neue Türme zu bauen, daneben Burgen, Schlösser und ähnliches mehr. Machtzentren wie z.B. das Weiße Haus in Washington, aber auch der Vatikan schmücken sich mit spitzen oder gekuppelten Türmen. Der Kreml in Moskau bietet eine reiche Auswahl an den verschiedensten Turmbauten, und das gleich mehrfach an einem Bauwerk: so hat die Basilius-Kathedrale nicht weniger als fünf der bunten Zwiebeltürme.

Die Mächtigen und Wohlhabenden dieser Erde haben sich oft mit hochragenden Türmen umgeben. Mit Spitzen und Kuppeln geben sie sich nicht zufrieden, nein, es müssen bis in den höchsten Stock benutzbare und bewohnbare Türme sein. Die verrücktesten Baustile werden dabei ausprobiert, sogar wie ein Korkenzieher gedreht hat es schon gegeben.

Das spektakulärste Beispiel in unserer Zeit waren die zwei Riesentürme nebeneinander des World Trade Centers in New York, die von Gegnern dieser monetären Protzerei am 11. September 2001 auf kriminell brutale Weise zu Fall gebracht wurden. Auch unsere Finanz-Bollwerke strotzen nur so von Hochhäusern mit viel Beton, Stahl und Glas. Kaum jemand denkt daran, dass mal der Strom ausfallen könnte, und wie viele Treppen wären dann zu bewältigen, um das so hoch gelegene Domizil zu erreichen? Ebenso wie die Bewohner von Küsten und Flussufern immer wieder neu siedeln und nicht bedenken, dass das Wasser steigen und in ihre Wohnungen dringen könnte, so werden auch immer wieder Hochhäuser in erdbebengefährdeten Gebieten und in der Nähe von Vulkanen errichtet. Die Menschen haben sich seit Noah nicht geändert. Warnungen vor höherer Gewalt durch Naturkatastrophen schlagen sie in den Wind, ganz so wie die Mitmenschen Noahs über dessen Archenbau spotteten, bis ihnen das Wasser am Halse stand, aber da war es zu spät. Türme mit Spitze oder Kuppel vermitteln ein Gefühl der Erhabenheit, wenn sie denn friedlichen Zwecken dienen. Daneben gibt es auch Türme des Schreckens, Verliese und Folterkammern, wie sie uns Heutige eventuell bei einer Besichtigung mittelalterlicher Schuld- oder Gefängnistürme manchmal schaudern lassen. Burg- und Schlossgespenster treiben sich vorwiegend in Türmen herum. Auch viele Menschen, die man nicht mehr haben wollte oder die versteckt werden mussten, fanden ihre traurige Zuflucht in Turmgemächern. Auch zweckgebundene Turmbauten gibt es noch jede Menge, z.B. die Kühltürme der Atomkraftwerke, graue Landmarken in schmaler Turmform, oder die wachsende Zahl der Bohrtürme, nicht nur zu Lande, auch zu Wasser auf den Ölbohrinseln, und es werden immer mehr, denn die Menschheit giert nach Energie aus den fossilen Brennstoffen. Bis in unsere Zeit gibt es noch Türme mit speziellem Zweck, so die Wachttürme zur Beobachtung von sich nähernden Feinden; auch in den KZs der Nazis gab es Beobachtungstürme, wie mir ein Freund nach dem 2. Weltkrieg berichtete, der noch entrinnen konnte. Wir kennen auch den Leuchtturm, der den Schiffen den Weg zeigt. Allerdings verlieren diese noch an den Küsten erbauten Wegweiser immer mehr an Bedeutung durch die fortschreitende nautische Technik. Im schönsten Flussabschnitt des Rheins zwischen Koblenz und Bingen steht auf einer kleinen Insel der "Mäuseturm", ein nicht sehr hoher Turm, gut restauriert, nicht mehr in deutscher Hand, aber mit einer gruseligen Legende: Hierher soll sich in alten Tagen ein Bischof geflüchtet haben, der dort von Mäusen aufgefressen wurde. Die durch die Sprachverwirrung gebremsten Turmbauer von Babel haben sich ungeheuerlich vermehrt und werden wohl auch in Zukunft nicht nachlassen, immer neue Formen von Städten und Türmen zu bauen und damit nicht aufhören bis ans Ende der Zeiten. Immer werden ihre Bauten gen Himmel streben und danach trachten, andere an Höhe, Breite, Baustil und äußerem Glanz zu überbieten. Aber in Kriegszeiten sind sie die begehrtesten Ziele und leicht zu Fall zu bringen. Unvergessen sind die von dicken Rauchschwaden umwaberten Zwillingstürme in New York, in denen das große Geld hin und her geschoben wurde, nach ihrem Fall die riesigen Trümmerhaufen und die schreienden Menschen, die diesem Desaster zu entkommen suchten. Ist dies vielleicht eine späte Wiederholung des Turmbau zu Babel, eine noch viel härtere Strafe für das himmelansteigende Machtgehabe, dessen Betreiber nur den schnöden Mammon anbeten?

(c) Anneliese Useldinger / Bonn


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