Zufall


Angelika Obermann


Der Mann sitzt am Küchentisch und frühstückt. Singlefrühstück in einer penetrant ordentlichen gut ausgestatteten Küche. Er ist so um die Fünfzig oder etwas darüber. Sein proper gescheiteltes Haar und die Armbanduhr unterm Bademantelärmel, ein nicht billiges Markenstück, sagen, das Badezimmer hat er bereits hinter sich. Aber dieser Bademantel, was für ein verwaschenes, fast fadenscheiniges Ding. Und diese verlatschten Hausschlappen unterm Tisch. Kann er sich nichts Neues leisten, weil er arbeitslos geworden ist? Doch halt.

Die runde Weckuhr neben der Butterdose, deren Zeiger der Mann unablässig verfolgt und mit denen der Armbanduhr vergleicht. Ist er zu spät dran? Müsste er längst am Arbeitsplatz sein? Nein, arbeitslos ist er wohl doch nicht. Weshalb dann sitzt er noch hier? Warum zerbricht ihm die zu schwarz geratene Toastscheibe nochmals? Und die Erdbeerkonfitüre tropft auf das Tischtuch. Weswegen solch gehetztes Hantieren bei gleichzeitig stocksteif aufgerichtetem Rücken, der wie eine buchhalterische Summierung seines inneren Ich-Zustands deutbar sein könnte? Gegensätze. Widersprüche. Fragezeichen. Und auch, bemerkbar erst jetzt, weil nur um ein Geringes, wendet der Mann seinen Kopf zur Seite, immer wieder, ohne die Uhren aus dem Blick zu lassen. Der Mann lauscht. Zur offenen Küchentür hinaus, was sich draußen im Treppenhaus tut.

Da - holterdiepolter, nur zwei Stufen auf einmal klingen so, wenn junges Volk doch noch irgendwo pünktlich erscheinen möchte. Nach vier Umdrehungen des Sekundenzeigers, tapp-poch, tapp-poch. Mühsam mit Krücke bis zur Haustür hinaus, Brötchen kaufen. Nun lassen sich die großen Zeiger acht Striche Zeit, bis, gedämpft erst (aus der Vierten?), jetzt deutlicher, energische Schritte neben tänzelnden zu hören sind. Männerstimme, Frauenlachen. Die Zeitung aus dem Briefkasten muss noch mit. Ruhe. Wer alle diese Leute waren? Unwichtig. Er begegnet ihnen ohnehin kaum.

Böse schweigt jetzt das Treppenhaus, wohin sein Ohr verzweifelnd gewendet ist. Der Wecker, ihm zum Hohne, tickt jetzt plötzlich laut auf und lässt seine Zeiger so zögerlich Strich um Strich passieren. Nach Ewigkeiten die Haustür, Blechgeklappre, Papiergeschabe - hastig beeilt. Endlich! Endlich die Postfrau, wenn auch dreißig Minuten über ihre Zeit. Der Mann springt hoch. Die Kaffeetasse zerklirrt auf den Fliesen. Na wenn schon. Sieben Stufen bis zu seinem Briefkasten. Im Parterre wohnen hat auch sein Gutes. Eine Ecke des weißen Kuverts kann er durch den Schlitz erspähen. Will aufschließen. Himmel, kein Schlüssel. Die sieben Stufen wieder rauf und... Und prallt mit dem Kopf gegen die geschlossene Tür. In der Hektik vorhin muss sie ihm zugeschlagen sein und die Schlüssel stecken innen. Sein Gehirn schafft keinen klaren Gedanken, Den angekündigten Brief seines Anwalt heraus angeln? Am Telefon war darin seine letzte Chance für ihn vor dem Scheidungstermin angedeutet worden. Der Mann muss diesen Brief haben. Erst, als er seine am zu engen, schartigen Schlitz blutig aufgerissenen Fingerknöchel befühlt, wird er sich voll seiner Situation bewusst. Ausgesperrt im Treppenhaus in diesem vergammelten Aufzug. Ein heruntergekommener Versager. Und jeden Moment kann jemand kommen; von oben, von der Straße. “Verdammt! Verdammt!” Er murmelt es nur. Aber geflucht hat er. Keine Erinnerung, dass er sich je zuvor so hat gehen lassen. Doch seine Stimme hat er gehört. Jetzt sieht er sich auch noch, wie er als Hauptdarsteller, beispielsweise in einer der unsäglich blöden TV-Soaps, sich selbst betrachten könnte. Bei der Vorstellung entsteht eine erstaunliche Persönlichkeitsspaltung. Real steht er hier und sieht sich zugleich im Film agieren.


__________________________  Schnelldurchlauf... ____________________________
Seine Hand streicht über den weichen roten Samt des Morgenrocks, den ihm seine Frau vorige Weihnachten schenkte und den zu tragen es im vergangenen Jahr nie eine Gelegenheit gab. Er schnippt ein Stäubchen vom korrekten Zweireiher, der samt Streifenhemd und roter Krawatte exakt auf dem Bügel an der Kleiderschranktür zum allmorgendlich würdevollen Abmarsch bereit ist. Seine Frau kommt ins Bild, nebelverschwommen. Dreißig Ehejahre, nun ja, Er hört ihr erbittertes Schreien: “Ein Eiszapfen bist Du! Eher wirst Du in Stücke zersplittern, als auftauen! Ich ertrage das nicht länger! Ich verlasse Dich!” Der Mann, mehr Firmensaldi im Kopf als die nicht mehr ungewohnte Szene, nimmt es nicht ernst, Erst, als sie kofferbepackt die Wohnungstür hinter sich zuschlägt, dämmert ihm schwach ein Begreifen. Ein Jahr ist das her. Der Mann denkt und murmelt: “Aber ich liebe sie doch. Sind nicht die kostbaren Schmuckstücke zu jedem Geburtstag Beweise?” Und sieht, sich erinnernd, wie ein brilliantenes Armband auffunkelte, als sie damals heftig nach der Türklinke griff.

Ab jetzt laufen Realität und der Film im Kopf des Mannes in Normaltempo ab. Was er im Film denkt, wird er, Soap-üblich, vor sich hin brabbeln.
Dem Mann ist klar, etwas muss geschehen. Sofort. Etwas, das sich ein kühl pragmatisches Buchhalterhirn niemals auch nur vorzustellen gewagt hätte. Welch Glück. Bis jetzt tauchte noch kein Mensch im Hause auf. Vorsichtiges Lugen aus der hinteren Tür zum Hof. Rechts niemand. Links niemand. Da vorn nur Sträucher. Die Bademantelgestalt saust, trotz behindernder Schlappen, zum Müllplatz hin. Der Mann nickt zufrieden. Trotz Verbotes hat wieder ein Bewohner seinen ruinierten Stuhl neben dem Container entsorgt. Wenigstens Sitz und Beine scheinen stabil. Transport schnellstmöglich in Renn-Stolper-Latsch-Tempo unbeobachtet - noch immer - über den Hof unter sein offenes Schlafzimmerfenster. Auf dem doch wackeligen Möbel im Zehenstand gelingt es ihm, Balance zu halten und mit den Fingerspitzen das Fensterbrett zu umklammern. Murmelnd sich zu mehr Courage und sportlicher Anstrengung anspornend, kommt er Zentimeter um Zentimeter strampelnd und klimmend hoch zur Bauchlage auf der Fensterbank Der Bademantel ist dabei hochgerutscht und gibt seine Boxershorts und seine gurren Beine preis. Die wippen draußen albern, hilflos, während sein Oberkörper drinnen schwebt. Die fiktive Filmkamera, die ihn umrundet, will kein Fitzelchen der absurden Komik verschenken, zeigt ihn von hinten, unten, vorn und lässt ihn miterleben, wie sein Pantoffel von seinem nackten Fuße auf den Stuhlsitz und fröhlich aufs Hofpflaster hüpft. Der Mann, der in seiner fatalen Lage nach Luft jappst, findet das nicht lustig. Ein letztes Beinestemmen an der Hausmauer, ein letztes Armerecken, um auf dem Schlafzimmerboden sachte zu landen. Der Oberkörper holt dazu einen Abwärtsschwung, da fällt neben dem Mann etwas blitzend und klappernd zu Boden. Was nicht wahr sein darf - es ist wahr. Kopfüber hängend sieht der Mann mit seinen eigenen Augen seine Schlüssel; gerade gefallen aus der Bademanteltasche. Nun hockt der Mann unterm Fenster, an der Zimmerwand Halt suchend - auch innerlich. Er starrt auf die Schlüssel in seiner Hand. Starrt und starrt. Und dann explodiert in und aus ihm heraus ein gewaltiges Gelächter. Brüllendes Lachen schüttelt ihn, nicht zu stoppen. Als es endlich abebbt, murmelt er die quälende Frage, die während des konvulsivistischen Ausbruchs in ihm gegraben hat: “Habe ich wirklich seit Jahren nicht mehr gelacht?”
Damit endet der Film im Kopf des Mannes.
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Der Mann ist wie stets in würdevollem Buchhalterhabit auf dem Weg zum Betrieb. Der ersehnte Brief in seiner Brusttasche lässt in ihm Hoffnung aufglimmen. Er geht gemessenen Schritts. Den Wagen hat er stehen lassen. Er wird heute besser die Bahn nehmen.

Der Mann sitzt in seinem kleinen, peinlich ordentlichen Büro am riesigen Schreibtisch und richtet die inzwischen eingegangenen, zahlenübersähten Postsachen geradeaus. Um zwei Stunden ist er zu spät. Zwei Stunden! Na wenn schon. Gemerkt hat es, scheints, niemand. Der Mann zieht seinen Brief aus der Brusttasche, aus dem Kuvert dann, streicht ihn behutsam glatt, wo er auf all den wichtigen Firmen-Zahlenpapieren liegt. Er liest nochmals, dass ein versöhnendes Gespräch möglich sei. Seit dreißig Jahren - seit einem Jahr. Dem Mann zieht es die Mundwinkel nach oben. Lächelt er? Tatsächlich. Er spürt sein Lächeln. Und registriert zum dritten Mal diese jahrelang nicht mehr erlebten Reaktionen: Geflucht hatte er, gelacht hatte er - jetzt lächelt er. Er kanns noch. Er legt seine flache Hand auf den Brief, der die ihm erstaunlich gleichgültigen Kontenbogen wegdeckt. Wärme spürt er. Wie bei einem guten Händedruck. Und der löst in seinem Kopf einen ungeheuren Erkenntnisblitz aus; ein erstaunendes Fragen: Das alles konnte doch kein Zufall sein an diesem Tag?! All sein ihn bislang anormal anmutendes Tun. Diese skurrile Hof-Fenster-Aktion, der sich versteckt habende und wiedererschienene Schlüssel, diese Bewusstseinsspaltung dazu, er sei zugleich ein anderer noch. Buchhalter und ganz normaler, fühlender Mensch... Zufall, lernte er mal, ist der Scheitelpunkt notwendiger Gesetzmäßigkeiten - oder so ähnlich. Ist ihm das alles geschehen, weil er die Gesetzmäßigkeiten seines Betriebes mit dem Notwendigen seines privaten Lebens nicht zusammenbrachte? Kam ihm der Brief-Schlüssel-Zufall auf abstruse Weise zu Hilfe? Zufall oder Notwendigkeit? Notwendiger Zufall hier?

Die Bürotür öffnet sich. Sein Chef, zu ungewohnter Stunde, tritt ein. Befremdet schaut er auf den offensichtlichen Privatbrief über den hochwichtigen Geschäftsunterlagen. Und der Herr Buchhalter versteckt seinen Brief nicht, wie er es sonst wohl getan hätte. Er sagt zu seinem Chef was ihn selbst erstaunt: “Chef, mir ist eine umwerfende Erkenntnis passiert. Ich bin Ihr Buchhalter, ja, aber ich bin auch einfach ein Mensch.” Der Chef wird daran wohl noch eine Weile herumzugrübeln haben.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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