Regen


Angelika Obermann


Mein Redakteur hatte gerufen. Es ging um eine ,Seite-3-Reportage‘; schön weit weg und in der Sonne. Ich war losgesaust. Schon die paar Schritte vom Parkplatz zum Redaktionstor war ich pudelnass. Und dann noch voll in eine tiefe Pfütze des schlaglochigen Hofpflasters gestolpert. Dreimal verflucht dieser wochenlange Dauerregen, der alles, auch Reporternerven, aufweichte. Vergessen ist die Farbe des Himmels inzwischen. Ja, gab es überhaupt je einen Himmel irgendwann? Und Sonne, Sterne über den wasserschüttenden grauen Wolkensäcken, gab es die? Dazu der kaum noch ertragbare Regen-Geräuschpegel.

Regen pladderte aufs Pflaster, trommelte gegen Fensterscheiben, platschte schmatzend an Autos und was ihm sonst in den Weg kam. Er rauschte böse glucksend in Rinnsalen, die nun rauschende Springbäche unheimlich lautlos fast Keller um Keller okkupierten. Dieses triumphierende Tropfstakkato morsten mir durch mein Ohr in mein Bewusstsein die Drohung: Das hört nie mehr auf.

Mein Redakteur kam gleich zur Sache. Unser fernes kleines Partnerland brauche dringend die Unterstützung auch unserer Zeitung. Wir wüssten ja, diese katastrophale Dürre. Eine gute Reportage öffne Herzen, Geldbeutel und könne Sponsoren aus dem Tiefschlaf wiedererwecken. Na ich wisse schon. Termin in vierzehn Tagen. Der Joris würde mich als Dolmetsch begleiten und mir alles Weitere erklären. Mit einem Bündel Arbeitspapieren war ich verabschiedet. Sein rituelles ermunterndes Schulterklopfen ersparte mir meine tropfende Jacke. Mit einem schiefen Blick auf meine wässrigen Schuhspuren schob er einen Trost nach: “Dort regnets nicht.”

Joris hatte ich in der Uni, später als Praktikant unserer Zeitung getroffen. Jetzt kehrte er in seine Heimat zurück, mich Neugierigen im Schlepp. Neun Stunden miteinander im Flugzeug; viel Zeit für Fragen und Erzählen. Seltsam aber, immer wenn ich nach den Problemen seines Landes fragte, wurde er abweisend wortkarg. Nun, viel zu selten Regen eben, Missernten dann, in leeren Kassen kein Geld für Bewässerungsanlagen, kein... Am Orte würde ich das alles selbst sehen. Augen auf, Ohren auf - und - vielleicht auch das Herz offen. Ich sei doch Reporter, oder? Ich grübelte - über diesen so anderen Joris und über den wunden, brisanten Punkt, den ich berührt hatte. Im Moment half nur Themenwechsel.

Das erste, was ich sah, als wir aus dem Flugzeug stiegen, war die Sonne an einem leuchtend blauen wolkenlosen Himmel. Es gab ihn also noch, den Himmel und die wundervoll wärmende Sonne auch. Sofort absolutes Wohlfühlen. Nur duschen fehlte noch nach dem langen Flug. In seiner Wohnung drum mein Hilferuf: “Joris, wo ist die Dusche?”

Er, ohne eine Miene zu verziehen, tippte an einen kiwigrünen Kanister. Das sei unsere Wasserration für einen Tag. Also, bitte, nur ein Maß voll, jetzt. Zum Trinken gäbe es noch früh und abends eine halbe Stunde Trinkwasser aus der Leitung. Verblüfft starrte ich Joris an. Er starrte herausfordernd zurück. Dann mussten wir beide lachen. Kein Bedarf mehr nach Disput über diesen Luxus. Nur noch schlafen! Schlafen!

Am nächsten Morgen nach Katzenwäsche und Kurzfrühstück mit Joris' Jeep zum Markt. Mein erster Eindruck: Ein lebendes Gemälde, so weit das Auge reichte, überstrahlt von einer schon kräftig heizenden Sonne. In exotisch bunten Gewändern wandelten, verweilten, eilten Frauen, Männer zwischen den mit verlockendem Singsang angepriesenen auch exotisch bunten Waren. Hier saftige Früchte, dort lecker duftende Speisen, die an Spießen brutzelten. Daneben herrliche Kleidung und ebenso alles erdenkliche, was zum Leben nötig sein könnte. Joris musste erklären, übersetzen, dolmetschen, damit ich in dieser fremdartigen Vielfalt nicht unterging. Zudem gab mir dafür einen inneren Halt der Melodienrahmen aus dem schönklingenden Stimmengewirr von Zurufen, Lachen, Schwatzen, der das weite Marktbild umschloss.

Mein zweiter Eindruck: Später dann sah ich Leute nach einem Bund Früchte greifen oder eine Schale mit Fischen und nach sorgenvollem Blick auf die zu wenigen Münzen, sich mit einem einzigen Stück begnügen. Frauen sah ich begehrlich Kleider, Schuhe ausprobieren und sie traurig seufzend zurückgeben. Zuerst musste, zu oft, das magere Haushaltgeld reichen für zusätzliche Wasserkanister und Flaschen. Die wurden von den Jungs auf Karren schwitzend oder mühsam auf Schultern balancierend heimgeschleppt.

Mein erster eigener wohl zu sorglos heiterer Blick hatte mir ein sorglos heiteres Marktbild gespiegelt. Dies überdenkend, vermisste ich jetzt auch heitere, kleine Kinder. Blumen, Hunde. Ich lernte: Die Kleinen müssen zu Hause bleiben. Das Quengeln nach ihren unerfüllbaren kleinen Wünschen würden die Eltern traurig machen. Und die Blumen, die Hunde? Ganz einfach. Blumen und Hunde brauchen Wasser. Zu wenig Regen, zu wenig Wasser. Also keine Blumen, keine Hunde. Nirgendwo. So hart kann Logik sein.

Mein dritter Eindruck: Unglaublich! Das fremdartige Marktbild muss mich total verzaubert haben, vorhin. Als erstes hätte mich dieser gigantische, mindestens sechstausend Meter hohe Gebirgszug erschrecken müssen. Weit im Süden, schon in dieser Höhe, entsteigt er dem Ozean, begrenzt hier den Markt in ganzer Länge und verliert sich fern hinter der Grenze zum Nachbarland. Die Einheimischen deuten ihn als Schutz, so wie sich der Markt an die Felsen schmiegt. Und sendet ihnen nicht das schwarze Gestein mit seinem lockeren Muster aus kleinen grünen Büschen, fast bis zu den Gipfeln hoch, einen freundlichen Gruß? Sie bohren ihre drahtigen Wurzeln in die Spalten des Felsens, in denen vor allem der Winterregen gespeichert wird. Ich indes speicherte in den Spalten meines Gehirnkastens all diese sich zu widersprechen scheinenden Eindrücke.

Dieses übermannshohe tiefe Loch im Fels hätte ich für einen Höhleneingang gehalten. Nein, hier wurde ein Tunnel gebaut. Aus den zwei tiefen Seen im Westen sollte an dieser schmälsten Stelle des Berges Wasser in Rohren nach drüben geleitet werden. Von drinnen hallten gedämpfte Hammerschläge, brechendes Gestein, schrilles Bohren. Joris fluchte: “Zur Hölle! Noch nicht weiter? Durch bis drüben geht’s nur mit schwerem Gerät. War doch abgemacht in Berlin; und Fachleute dazu. Wo, verdammt, bleiben die?” So viel Zorn und Verzweiflung in Joris Stimme. Und ich? Hilflos aus Informationsdefiziten. In meinen Arbeitsunterlagen war das Tunnelprojekt gar nicht erwähnt. Morgen, dort drüben, würde ich hoffentlich selbst alles mir Unbegreifliche ergründen können. Das Jäckchen mit dem Muster von frischem grünen Klee - “der hat sich am Regen gut satt getrunken” scherzte Joris - würde seine Mutter bestimmt freuen. Darin waren wir beide uns einig. Ich wollte ihr einen kleinen Fernseher mitbringen. Sie hatte keinen. Hier das alte japanische Modell lief mit Batterien sehr gut. Der Händler schaltete ein. Auf der Zwanzig-Zentimeter-Mattscheibe machte gerade eine Familie plaudernd einen Schaufensterbummel. Ja, Bild und Ton okay. Trotzdem schüttelte Joris amüsiert den Kopf, wandte sich ab. Und dann ...: “Nun ja, eigentlich eine prima Idee. Bei solchen Finnen gibt sie vielleicht ihren Widerstand auf und zieht zu mir in die Stadt.” Jetzt gab es drei zufriedene Männer. Der Händler, der zwei Extrabatterien zugab, Joris und ich, wenn mir auch seine Bemerkung schleierhaft blieb.

Der Markt schien eine Siesta zu machen. Die Mittagssonne tat des Guten zu viel. Schnell noch mit gierigen Schlucken den ausgedörrten Kehlen einen Trunk spendieren. Dann los in Joris Jeep, der hoch gestapelt war mit Kanistern, Wasserflaschen, prallvollen Obst-, Gemüse- und Brotlaibsäcken und Kartons die Menge, Verkehrte Welt? Landprodukte von der Stadt ins Dorf drüben?

Ich studierte unfroh das mangelhafte Redaktionsdossier. Joris kramte hektisch in Fächern. Dann breitete er die gefundene Landkarte über den Tisch und ich warf meinen Papierkram beiseite: “Hier hast Du meine Heimat". Ich sah einen kartographierten Faustkeil, kaum größer als Sachsen und Thüringen zusammen. Der Ozean im Süden als lange Grenze. Im breiten Westteil grenznah zwei kleine Seen mit Flüsschen meerwärts.

An der Ostgrenze, schmal wie ein Krokodilskopf, nur zwei magere Flüsschen. Ganz wasserlos die Nordgrenze. Joris wurde ungeduldig. Mit dem Finger fuhr er die schwarze Linie von Süd nach Nord entlang, die die Faustkeilfigur in ein Drittel breiten Westen und zwei Drittel schmalen Osten zerschnitt. Der Gebirgszug. Ich sah ein von der Natur mitleidslos geteiltes dürstendes Land. Joris eindringlicher Blick forderte mein Begreifen: “Die aktuelle Tragik dabei; der Klimawandel hat die Winde sich drehen lassen. Nach Osten nun, vor allem im Winter, treiben sie die Wolken gegen’s Gebirge. Dessen so hohen Gipfel halten sie fest. Geplatzt durch den Anprall lassen die Wolken ihre ganze Wasserlast an den Felswänden entlang niederstürzen. Drüben keine Chance auf nur ein paar Regenspritzer”. Und in einer Kurzlektion lernte ich zudem: Klimaforscher, Hydrologen, Geografen und Ökonomen haben jetzt gemeinsam erforscht, dass von grüner sonneneinfangender Vegetation durch Speicherung und Verdunstung ein Drittel des benötigten Regens in einer Region produziert wird. Bei absehbaren Trockenzeiten müssen vorbeugend alle, wirklich alle, Arbeits- und Finanzreserven eingesetzt werden für Bewässerungsmaßnahmen, Bodenbearbeitung und Zentimeter für Zentimeter Neubepflanzung mit wurzelreicher Vegetation. Nur das verhindert den Teufelskreis absoluter Dürre und Hungersnot auf lange. Joris fügte an: “Ich war doch vor allem delegiert worden, um hierfür Unterstützung zu organisieren bei Euch. Und nun? Halbes Begreifen dort und hier. Bürokratie auch. Und bei uns Vertröstungen, Verweise auf Traditionen, mehr Geduld, leere Kassen. Und, und, und ... Die Früchte auf dem Markt, importiert, weil nicht genug wächst. Die Einheimischen aber, statt der Regierung Dampf zu machen, üben sich in traditioneller, freundlich bescheidener Geduld. So etwas kann tödlich sein.” Und ich? War ich am Morgen von einem potjomkinschen Markt verzaubert worden?

Am Abend Taschen packen für den morgigen Flug nach drüben. Eine Spur Verlegenheit im offenen Lächeln, zeigte mir Joris ein Schraubglas voll trüber Flüssigkeit. Ich lächelte auch, abwartend. Er: “Regen aus Deutschland. Auch ein Geschenk für meine Ema”. Zum ersten Mal hatte er dieses Wort vor mir ausgesprochen. Mutter bedeutete es und war zugleich ein Name, je nach Betonung des e und a... Das Glas zeigen, das Wort aussprechen; Vertrauen war das. Freundschaftsantrag auch. Ich schluckte meine Bewegung runter und benutzte eine Wendung vom Fernsehkauf: “Eigentlich eine prima Idee” und legte ihm lächelnd kurz die Hand auf die Schulter. Eine kleine Welle der Empathie schwang zwischen uns. Regen, dachte ich, was der alles vermag.

Vor Sonnenaufgang Abflug. Der Jeep bekam als übergewichtiger Passagier einen Sonderplatz. Drüben, am Fuß eines Berges musste unser kleiner Vogel zurückbleiben. Der Pilot würde ihn wiederfinden. Im Jeep führen wir auf hart rissigem gelbrötlichem Boden dem Sonnenaufgang entgegen. Keiner sprach. Nicht einen Baum, Strauch, Halm hatten wir gesehen nach zwei Stunden Fahrt. Joris, mit finster gerunzelten Brauen, plagte sein Gedächtnis nach Ortserinnerungen. Fünf Jahre war er weg gewesen. Ich versuchte, durch die Wagenfenster wenigstens Spuren zu entdecken von etwas wie einem Dorf in der Nähe. Zäune, Ackerfurchen, ein vergessener Pflug, eine erste Kate. Nichts. Nur dieser gelbrötliche Boden - war das überhaupt Erde? - auf dem Wind Sand und etwas kreiseln ließ, das ein Halm gewesen sein mochte, vor Zeiten. Doch plötzlich tauchten aus der unheimlich rötlichen Weite neun Gestalten auf im Gänsemarsch. Rötlich gelb überstaubt, wie dieser Boden. Die Vorderste, eine alte Frau, die sorgsam ein Bildnis trug. Die Neun mit müden Füßen, Schritt um Schritt, müden Rücken, die Gesichter immer wieder zum Himmel, der den Regen beherbergt. Eine kleine Prozession mit flehendem Murmelgesang. Joris, wie gelähmt erst, sprang aus dem Wagen: “Ema! Ema!” Er rief. Er schrie. Die Frau hörte nichts. Sie sah nichts. Die acht Alten hinter ihr waren auch in einer anderen Welt. Der kleine Zug wendete, kehrte zurück, von wo er aufgetaucht war. Joris, sehr müde, ihnen nach.

Nachdem der Pilot und ich die Fassung wiedergewonnen hatten, machten wir uns auf die Suche nach dörflichen Spuren. Die Sonne stand schon hoch, da fanden wir sie alle in einer der bröckeligen Lehmhütten, miteinander redend wie lebendige Menschen. Ema in Joris Arm.

Die Fragen über Fragen zum Erlebten sperrten wir in uns weg bis irgendwann. Jetzt erst alles Mitgebrachte verteilen, das für Ema und das für die alten Männer von deren Verwandten. Später erzählte mir Joris dazu, dass früher die Regierung für diese Hiergebliebenen Lebensnotwendiges geschickt hatte. Dann stellte sie ein erstes und noch ein zweites Ultimatum. Entweder, sie kämen endlich zurück und erhielten in der Stadt Unterkunft und Versorgung, oder ihre Verwandten müssten sich künftig um alles kümmern.

Schluss! Aus! Die neun Hartnäckigen blieben. Sie würden ihr Dorf - Welches Dorf denn jetzt? - nicht verraten. Der Himmel, dem der Regen gehöre, würde ihre täglichen Prozessionen sehen und dann wieder Regen senden.

Am Abend, nach einem leckeren Mahle, saßen wir alle im Kreis; Ema in der Mitte, strahlend vor Stolz auf ihren Sohn und das neue Jäckchen. Jetzt wurde der Fernseher ausprobiert. Lautlose Spannung, Knopfdruck, Start. Zuerst lustige Kinder-Gute-Nacht-Geschichten. In der Runde fröhliches Lachen. Dann Nachrichten. Zum Schluss der Bericht von einem Unwetter. Sturm heulte. Regen wie aus Kübeln und so dicht, wie eine Wand. Im Nu überflutete Straßen, knietief im Wasser watende Menschen, sich flüchtend in Häuser. Doch dort bereits überschwemmte Keller und ebenerdige Räume. Die niedrigen schwarzen Wolken zeigten an; das hört so bald nicht auf. Ema, in heftigster Erregung, stieß die Hände bildwärts, zerrte an Joris Arm. Ihre Stimme überschlug sich fordernd, was Joris kurz übersetzte. Von dem viel zu vielen Wasser an jenem Ort gehöre die Hälfte als Anteil des Himmels ihrem Dorf. Sie hier brauchten es. Jetzt! Sofort! Nicht zu beruhigen war sie. Wütend riss sie sich los. Ein Sprung zum Fernseher, ergriff und schmetterte ihn zu Boden, wo er zerschellte. Joris wiegte sie in seinen Armen. Ihr Weinkrampf ging in Schluchzen über und das irgendwann in diesen Murmel-Bittgesang.

Die verschreckten Alten stimmten leise ein. Für uns Gänsehautsituation. Und dann war da noch ein anderes Geräusch: wie eine Hintergrundbegleitung des Singsangs. Lauschen. Es kam von draußen. Nein, es konnte nicht sein. Und doch, es war... Regen war das. Heftig rauschte ein Wolkenbruch über die Hütte nieder. Ich schwöre; ich habe es nicht erfunden. Elf Zeugen habe ich dafür. Draußen, lachend wie Kinder, hoben wir alle die Hände empor, den Regen einzufangen. Im Nu waren wir bis auf die Haut nass und glücklich. Aber Regen lässt sich so nicht festhalten. Gerade noch hatte Ema gewusst, der Himmel habe das Fernsehopfer erhört, da war der Regen versiegt. Nur ein Wolkenbruch. Der erste seit drei Jahren. Kein einziges Wölkchen versteckte die glitzernden Sterne droben.

Die noch heiße Luft hatte alle Feuchte schon eingesaugt. Ebenso schnell war Emas Glück auf eine zornige Logik umgeschaltet.

Für den kleinen geopferten Fernseher hatte der Himmel einen kleinen Regen gesandt. “Jaa, aber für einen sehr großen Fernseher...”, beschwor Ema flehentlich ihren Sohn. Sie redete, schluchzte, redete. Sehr spät war sie dann eingeschlummert, das Schraubglas mit dem Regen aus Deutschland im Arm. Die alten Männer waren in ihren Hütten verschwunden. Wir drei Übriggebliebenen - jeder auf seine Art hier Fremde - brauchten dringend ein Auspendeln nach den Aufregungen dieses Tages. Des nachts war draußen diese Ödnis noch gespenstischer. Mit kaltem Licht malte der Mond die wenigen Baumgerippe und kahlen Sträucher geisterhaft weiß an. Am Unheimlichsten aber war uns diese Totenstille. Kein Bellen, Muhen, Wiehern oder bloß ein Zirpen. Nichts krabbelte, flatterte, nichts huschte vor unseren Schritten davon. Alles Getier schien geflohen. Wohin? Dieses Land ein totes Land? Ein scheintotes Land? Oder war es nur in einen Dornröschenschlaf gefallen und harrte der erweckenden Küsse seiner Erretter von nah und fern? Jamso würde es sein. Darin waren sich Joris und ich uns einig. Na ja, so in etwa jedenfalls. Gerufen vom Termin meiner Reportage kam mein Abreisetag. Der Pilot war mit meinem Gepäck schon vorausgegangen. Bloß keine Abschiedssentimentalitäten, beschwichtigte ich das flaue Gefühl meines Magens. Joris: “Laßt den Jeep an der Felswand stehen. Ich finde ihn schon.” “Eine gute Idee. Also tschüs dann. Bis bald.”

Joris: “Klar, ich weiß doch. Bis bald denn.” Das letzte, was ich sah, ehe ich das Haus verließ, war Joris Rücken, war das Schraubglas auf dem Bord, in dem das Regenwasser durch Emas heftiges Hantieren dort kleine Wellen schlug. Und mir blieb auch Emas liebes Gesicht, als sie sich über die Schulter hinweg mir zuwandte. So lächeln Mütter oder Großmütter morgens beim Abschied, gewiss, dass alle ihre Lieben nach getaner Arbeit heimkommen werden.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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