Krise


Angelika Obermann


Die heftig aufgestoßene Haustür speit einen Menschen aus. Ein kurzes Taumeln noch, unschlüssiges Verharren. Dann springt er - ungelenk wirkt er bei seiner Hast - plötzlich auf das an der Bordsteinkante geparkte kleine fahlgrüne Motorrad. Unduldsam reißt er den Starter hoch. Schon brettert er rasend die Gasse entlang. Empört heult der Motor, quietschen die Reifen gegen sein wildes Gekurve an, mit dem er missachtet, wer oder was rechts, links und entgegen auch sich vor ihm zu retten sucht. Ich kenne diesen Mann, der gerade im nur übergeworfenen Parka und ohne Helm (ich bitte Sie, bei diesem Teufelritt ohne Helm) weit vorn schon nach rechts in die Hauptstraße einbiegt und dabei, ich kann's erkennen, die Ecke des Bürgersteigs mit hartem Stoß überrollt.

Sagte ich, ich kennte den Mann? Wenn ja, dann diesen nicht so. Wenn nein... Verunsichert muss ich meine Gedanken sortieren. Immerhin bin ich seit Jahren der Wohnungsnachbar des Mannes und seiner Frau. In meinem Grübeln schaue ich instinktiv zum Wohnzimmerfenster des Paares in der ersten Etage. Und ich sehe zwei Augen. Augen? Nein; zwei große schwarze Kugeln eher, die sich von innen gegen die Fensterscheibe pressen. Das Glas müsste klirrend zersplittern von dem Druck. Das Glas splittert nicht. Aber die Augen schreien. Lautlos schreiende Augen, verzweifelt dem Manne hinterher. Der Mann hatte sich nicht umgewandt vorhin, fensterwärts. Doch er wusste; da bin ich mir sicher.

Wieso eigentlich kann ich mir sicher sein über irgendetwas bei alledem hier? Was weiß ich wirklich? Nur seltene Treppenhausbegegnungen mit freundlich lächelndem “Guten Tag”, “Guten Weg”. Jeder ist ja auf dem Sprunge zu dem ihm Wichtigen. Mitunter traf ich meine Nachbarn auch unterwegs, wie sie in Eile, aber stets Arm in Arm, der Mann mit dem prallen Feierabend-Einkaufsbeutel über der Schulter, eifrig mal nachdenklich, mal belustigt lachend miteinander diskutierten. Und daheim, in unserem dünnhäutigen Hause hatte ich niemals laute Worte, böses Streiten gehört. Dafür durfte ich bei offenen Fenstern an leisen Mozartkonzerten teilhaben. All diese flüchtigen Eindrücke über so lange Zeiten hatten mir ein Bild von Harmonie, Zufrie­denheit, wunschlosem Glück ausgemalt. Ein Ehepaarbild, eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Nun hatte das vorhin Geschehene, Miterlebte mein romantisches Bild zerfetzt. Nein, nichts wusste ich. Nicht einmal den Beruf des Mannes. Hatte er überhaupt Arbeit? Und seine Frau? Wieso auch hatte ich nie Besucher, Gäste drüben ankommen hören, keine fröhlichen Familienfeiern mitgekriegt? Fragen in mir. Bohrende Fragen zu einem sehr unfertigen Bild. Irgendetwas musste ich tun. Ich tat etwas Absurdes. Statt bei der ratlosen Frau zu klingeln, ihr fragend und tröstend meine Hilfe anzubieten, spurtete ich dem längst unaufholbar entschwundenen Motorrad-Davonraser nach, unsere Gasse entlang. Meine Beine rannten, meine Gedanken rannten. Ich versuchte mir vorzustellen, welche Katastrophe aus buchstäblich heiterem Himmel in das Leben des Mannes und seiner Frau hereingebrochen war, etwas unfassbar Lebenszerstörendes. Im Nachhinein erscheint es mir, als sei er vorhin wie bei Vulkanausbruch als ein Eruptionsgestein ins Leere geschleudert worden auf seinem fahlgrünen Motorrad. Auch dieses Fahlgrün sehe ich jetzt vor mir wie ein düsteres Omen. Doch das, was mein Fuß gerade beim Laufen gegen den Bordstein gestoßen hatte, fahlgrün, ist kein Gedankenphantom. Es ist real ein Stück grünes Blech. Zwei Schritte weiter liegt noch eines. Ich stoppe meinen schnellen Lauf, die Augen suchend auf dem Straßenpflaster. Nun, Schritt um Schritt an der Borsteinkante und mal auf dem Fußweg die Einzelteile des Motorrads. Nicht nach einem Crash sieht das aus, es sieht aus wie eine Auflösung. Auf mehr als 200 Metern dieses Gassen­stücks reiht sich vor der Bordsteinkante entlang Sämtliches, das einmal ein Motorrad gewesen ist. Und vorn an der Ecke vor der Hauptstraße fläzt sich, halb auf dem Fußweg, der schwere Lenker. Wie Geisterspuk, nicht wahr? Ein Motorrad kann sich doch nicht auflösen, sein Fahrer, nicht nur auf Teilen noch sitzend, das Fahrzeug steuern. Wo nun blieb der Mann? Ich spähe in die Hauptstraße. Irgendwann vorhin könnte ein herbeigerufener Saniwagen den Verletzten in die Klinik gebracht haben. Oder konnte er auf eigenen Beinen weiterlaufen, heil oder blessiert. Blutspuren entdecke ich nicht zum Beweis. Er kann sich doch nicht auch aufgelöst haben. Ja, gespenstisch, was ich mit wachem Sinn wahrnehme und doch nicht zu begreifen vermag. Und am unheimlichsten dabei; das Leben auf dieser Gasse geht seinen alltäglichen Gang. Zwei Frauen tratschen vor einem Modegeschäft. Ein Mann zieht seinen Karren über die Fahrbahn, ohne sich an den Motorradteilen zu seinen Füßen zu wundern. Kinder spielen laut kreischend und lachend Himmelhopse und eines kickt eine störende Radspeiche mit der Schuhspitze in den Gully. Der Gemüse­händler nebenan ordnet seine prächtigen Pfirsiche noch dekorativer. Selbst die Tiere zeigen sich durch nichts verschreckt. Tauben picken trippelnd und gurrend vor der Bäckerei unsichtbare Krümel auf. Spatzen tschilpen rechthaberisch im Straßenbaum ihr Mittagslied einer Amselkonkurrentin entgegen. Ein Schäferhund humpelt herbei - wurde er von einem weggeschleuderten Metallteil getroffen? - schnuppert an einer ausgelaufenen Motorölpfütze, schüttelt sich und trottet davon. Menschen, Getier und selbst die prächtigen Pfirsiche, die der Obsthändler, Tatsache, beim Dekorieren leise lobte. Alles wie eine Demonstration: “In dieser Gasse ist nichts passiert. Alles in Ordnung”. Doch die vollkommene Zahl eines sich geister­haft aufgelöst zu haben scheinenden Motorrads und sein verschwundener Fahrer erzählen etwas ganz anderes.

Eine ferne Erinnerung dämmert in mir auf an etwas, das ich nicht bewusst selbst erlebt habe vor Jahren. Liebe Menschen haben es mir immer wieder, mit allen Einzelheiten ausgeschmückt, berichtet. Damals war ich auf die Intensivstation einer Klinik eingeliefert worden. Eine schwere Infektionskrankheit und zugleich eine tiefe Depression hatten mich in den Schwitzkasten genommen und mich niedergerungen. Ich schwitzte und schwitzte, bis das Fieber an den Höhepunkt seiner Möglichkeiten stieg und ich ins Bewusstlose stürzte. Meine lieben besorgten Verwandten und Kollegen starrten auf dem Klinikflur durch das kleine Fensterchen zu mir ins Quarantänezimmer. Sie nervten mit Fragen Schwestern und Ärzte, konnten nicht begreifen, wieso ein Mann, der just eben noch ein Muster an Fitness gewesen war, über Nacht weiß und stumm und bewegungslos da drinnen an Drähten und Schläuchen unerreichbar blieb. Erst, als sie den Arzt drinnen sein Stethoskop in die Kitteltasche schieben sahen und durchs Mikrophon ihn sagen hörten: “Jetzt liegt es nicht mehr in unserer Macht. An diesem letzten Punkt der Krise können wir nur noch abwarten und hoffen." Sie sehen, das Warten und Hoffen hatte bei mir gesiegt. Inzwischen begann ich zu begreifen und habe gelernt: mit einem aktiv aufgemutzten stereotyp lächelnden Harmoniegesicht nützt man auch nicht sich selbst, seinem eigenen Körper, seiner eigenen Seele. Weghören übertölpelt nur. Alle unbeachteten winzigsten Latenzanzeichen rächen sich unerbittlich mit einer Krise. Ach, ich wollte eigentlich nicht von mir sprechen. Aber mein Beispiel zeigt doch, wie sich die Bilder jetzt gleichen; auch wenn kein Krankenbett und kein Arzt mit Hoffnungsspruch zu sehen ist. Hier waren ein Mann, eine Frau als Trugbild glücklich zufriedener Harmonie. Dann, von einer Sekunde zur anderen, unerwartet von allen, von ihnen selbst auch ins Leere geschleudert, in die Auflösung. Einzige Verbindung der Szene sind die verzweifelten lautlos schreienden Frauenaugen. In der Gasse aber, wo die Krise vermutlich ihren Höhepunkt hatte, bei dem Mensch und Getier, die es miterlebt haben mussten, nur gleichmütiges Desinteresse zeigten. Sie erinnern sich: “Nichts war los hier. Alles Okay!” Mein Nachdenken jetzt; was mag die Krise bei dein Manne vorbereitet haben: Eheprobleme, eine Affäre gar, eine lebensgefährliche Erkrankung, etwas Politisches, Mobbing im Betrieb oder Ent­lassung? Das und manches andere könnte der Auslöser gewesen sein. Was hätte diese Entwicklung aufhalten können, verändern von einer katastrophalen zu einer positiv schöpferischen Wende. Im Moment fällt mir dazu nur etwas relativ Kleines unspektakuläres ein. Das Einfache, das schwer zu machen ist: Fragen! Die richtige Frage zur rechten Zeit stellen. Der Befragte hätte sich so, Anteilnahme spürend, seine Sorgen und Anspannungen von der Seele, von seinem ganzen Ich wegreden können.

Ach ja, das Fragen. Wirklich das Einfache, das so schwer zu machen ist. Aber wie viele Menschen auf unserer Welt warten vergebens auf diese Fragen. Und wie Viele zur gleichen Zeit trauen sich nicht, zu fragen oder sie kommen nicht auf diesen Gedanken. Und ich? Ich gestehe; nichts habe ich gefragt. Nicht den Mann. Nicht seine Frau. Stattdessen hatte ich arrogant verkündet, ich kennte diesen Mann. Wenn der verschwundene Mann wieder auftaucht - oh, er muss einfach wieder auftauchen - werde ich den Mann fragen. Seine Frau auch. Ich habe manches wieder gut zu machen. Erst aber muss ich nachdenken. Dort vorn, wo der Motorradlenker sich wartend ausruht, hab ich eine kleine Kneipe gesehen. Vorhin trat der Wirt, hemdsärmlig, vor die Tür, nach Gästen ausschauend. Dort werde ich mich an den Tresen setzen, ich, ein Antialkoholiker aus Grundsatz, werde sagen: “Hallo. Einen Schnaps bitte; aber einen Doppelten”. Wie hatte der Arzt ehemals für mich gesagt? Man müsse warten und hoffen. Also werde ich erst einmal in der Kneipe warten. Und zudem: In der ganzen Welt sind Kneipenwirte berühmt für ihre Gabe, die besten Zuhörer und Ratgeber zu sein für seine aus der Lebensspur geratenen Gäste.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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