Im Rausch


Angelika Obermann


Sag, was würdest Du denken? Inmitten hektischen Gewusels eiligster Passanten auf dem Alexanderplatz siehst Du eine junge Frau. Bewegungslos steht sie da seit mindestens schon zehn Minuten, bepackt mit unzähligen Kaufhoftüten, dick wie Neunmonatsbäuche. Diese Person, die ziemlich derangiert aussieht, als sei sie gerade einer Schlacht auf Leben und Tod entronnen, kann die Unzahl der Einkaufs­beutel kaum noch halten. Zwei Pakete sind gerade ihrem Arm entrutscht und warten bewegungslos neben ihren bewegungslosen Füßen. Bitte, was würdest Du hierzu denken? Nichts würdest Du denken. Blind bist Du an ihr vorbei gehetzt, um Deine S-Bahn noch zu erwischen; blind, wie all die anderen Eiligen hier ringsum. Und doch sind da welche, die interessiert abwartend diese bepackte erstarrte Frau beobachten, was sich - vielleicht gar zu ihrem Nutzen - aus dieser Stehszene entwickeln würde. Diese im Moment ungewohnt stillen Beobachter sind eine Clique von Straßenkindern, die an Vormittagen die Stufen vor dem Saturn-Elektronik-Shop in Beschlag nehmen für sich und ihre Hunde. Ein neugieriger Dobermann aus der Gruppe will's genau wissen. Herangeschlichen beschnuppert er die bewegungslosen Füße und die geheimnisvollen Pakete daneben. Die untersuchen, denkt er. Nichts da! Ein scharfer Pfiff zwingt das mürrisch aufjaulende Tier zurück an seinen Platz.

Du starrst mich ratlos an. Okay, nützt nichts. Hab ich angefangen, mußt Du auch die ganze Geschichte erfahren. Allerdings war das eben das Fast-Ende der Story. Nun fange ich mit dem wirklichen Anfang an.

Vor einem Jahr war's. Da hatte ich blitz-platz mich in einen tollen Typen verliebt. Such Dir aus allen TV-Soaps den romantischsten, charmantesten, drahtigsten, süßesten Burschen aus, dann weißt Du, wie er war. An seiner Liebe zu Büchern und Musik würde ich noch stricken müssen, sozusagen von der ersten Masche an. Dafür verführte er mich Faulpelz jeden Tag, jedes Wochenende zu abenteuerlichen Radausflügen, die die schöne Berliner Umgebung überraschend bis zur Ostsee reichen ließ. So sehr verliebt, so glücklich auch, daß sich bald mein Muskelkater verabschiedete, kam ich überhaupt nicht zum Verwundern über seine viele freie Zeit. Wie genoss ich diese wundervollen Wochen. Dann, von einem Tag auf den anderen erkannte ich ihn nicht wieder. Plötzlich Termine, Termine, die sich vom Mittag zu den Abenden bis in die Nacht und in die Wochenenden zogen. Was trieb er da, zwei Wochen schon. Seine Antworten auf meine beunruhigten Fragen klangen nach Ausreden. In meiner Verzweiflung setzte ich ihm die Pistole auf die Brust: “Hast Du eine andere?” Nach langem Herumgedruckse sein Geständnis. Profi-Rennradfahrer sei er. Nach einem bösen Sturz, nach OP und Reha sei er nun durch unsere Rad­ausflüge wieder fit und für die nächste Städtetour in seiner Mannschaft aufgestellt. In mir stürzte alles durcheinander und zusammen. Kannst Du Dir das vorstellen? Und wie weiter jetzt? Mir kam der Gedanke an Trennung. Er versuchte, mich zu begeistern, dabei zu sein, ihm und seiner Crew an den Straßenrändern der Etappen zuzujubeln. Nein, ich nicht. Diskussionen hin und her mit heftigen Worten, weil ich selbst mit dem Gedanken, daß er auf dem Siegertreppchen mit einer Medaille um den Hals triumphieren könnte, nicht zum Radrenn-Fan werden würde. Und da fiel das Wort Rausch. Er brauche diesen Rausch des Tempos. Den Rausch in der Fahrt um den Sieg. Dies sei das Wichtigste für ihn im Leben. Ja, ohne diesen Rausch sei es kein Leben, wem) alles auf der Welt absolut unwichtig wird und nur noch dieses Fahren bis an den Anschlag der letzten Kräfte ihn emporschleudre, in den Himmel hinein und über die Köpfe aller anderen Fahrer hinweg. So jedenfalls fühle es sich für ihn an bei jeder Tour, bei jedem Kilometer. Klar liebe er mich. Aber dieser Rausch des Radrennens sei für ihn nun mal das, was an erster Stelle stehe. Wenn ich ihn liebe, müsse ich das verstehen, akzeptieren. So viel, so leidenschaftlich hatte er noch nie gesprochen. Mich hatte das Wort Rausch, so wie ich es oft erfahren hatte, mit seinen fürchterlichen Folgen; das hatte mich schon immer verschreckt, mir Angst gemacht. In solch einen Rauschsüchtigen, für den diese Fahrerei absolute Droge war, hatte ich mich verliebt. Ich, die Klarheit brauchte zum wirklichen Leben. Bei allein mußte ich wissen, was ich tat, was nicht und warum, wozu ich gehörte, für oder gegen wen. Blieben bei diesen Gegensätzen noch Chancen für eine Liebe? Ein großes Problem und viel zu überdenken. Zu Hause am Fernseher verfolgte ich ganz nahe die im Temporausch dahinjagenden Gestalten. Tief über die Lenker gebeugt, den Blick wie hypnotisiert mit dein unter den Rädern nach hinten wegrasenden Pflaster vernetzt, diese rhythmisch zuckenden Wadenmuskeln, die mit den rotierenden Fußgelenken in den Pedalen vernietet schienen. Waren das Menschen, waren's Roboter? Selbst kurze Blickwechsel mit Vorbeiziehendem oder Zurückbleibenden waren kein Austausch zwischen Menschen, sondern eher eine besondere Art Drogenpillen gleich einem Befehl: Schneller - weiter - schneller! Dieses automatische nicht stoppen könnende Pedalieren. Verzweifelt weit über das Limit ihrer realen Kräfte hinaus in dieser Medaillengier; konnte das wirklich wertvoller, wichtiger sein, als alles sonst auf unserer Welt, in unserem Leben? Mir machte das Angst, ließ mich frieren. Eine Musik, die ich liebte, die brauchte ich jetzt. Ja, Ravels Bolero! Er würde meine durcheinander geratenen Gefühle ordnen helfen. Du kennst und liebst den Bolero doch auch. Ob Du begreifen kannst, wie ich nach den ersten Tönen fassungslos ausrief: “Das kann nicht wahr sein!” Es war doch wahr, jedenfalls in dieser Situation. Ich hatte den Bolero noch nie zuvor so gehört, so empfinden. Diese Melodienfolgen, unendlich sich wiederholende an- und abschwellende Kadenzen. Verzweifelnd sich quälend, nicht enden könnend im Banne eines Dauerrausches. Nach Langem doch ein Schluß; ein letzter schmerzhaft kurz blecherner Mißton. In Musik gesetzte Verkörperung eines Rauschzustandes? Des Rausches, den mein Rennfahrer-Liebster als allerwichtigstes Lebenselexier sah, hier als Einheit? Das mußte begriffen, das mußte sortiert werden. Du kennst das selbst. Inkonsequenz und Unlogik sind ein Markenzeichen von Verliebten. Drum war ich am nächsten Morgen unterwegs, ein sexy Kleid, einen kessen Pulli zu kaufen, wofür er zumindest bei seiner Rückkehr vom Rauschrennen ein bewunderndes “oho” haben würde.

So, jetzt zurück zu dem Fast-Ende meiner Geschichte von vor einem halben Jahr, das ich vorhin vorweggenommen hatte. Ich, wie erstarrt auf dem Alex mitsamt den Kaufhofbeuteln und Paketen inklusive. Du erinnerst Dich? Nicht zu rühren vermochte ich mich, weil ich nicht begreifen konnte, was mit mir geschehen war. Und wenn Du jetzt das Kleid, den Pulli sehen willst, weswegen ich damals losgegangen war; ich hatte die nicht gekauft. Stattdessen stand ich dort wie versteinert, um mich überall volle Tüten und Pakete samt der marternden Frage: Wer bin ich oder was und wieso. Kurz, ich sah mich, wie im falschen Film, eingekeilt im Käuferinnengemenge, meine Arme eintauchen in die aufgehäuften Sachen für den Sommerschluß-Run. Ich hörte mich zischen: “Meine, meine. Das ist meins.” Ich sah mich, deren Dinge aus den Händen reißen, meinen Einkaufswagen besinnungslos immer wieder füllen und an der Kasse neue Beutel wegschleppend. Nennt man das nicht Kaufrausch? Und also fand ich mich dann auf dem Platze wieder, mindestens eine Viertelstunde lang, als Denkmal einer Kaufsüchtigen. Lag der Sinn des mir noch unbegreiflich Erlebten darin, mich meiner Selbstgerechtigkeit ä la “ich bin nicht so eine!” zu entblößen? Nein, kein Leugnen half. Ich war meine eigene Zeugin. Zeugen auch waren all diese zusammengerafften Sachen, mein verlorener Schal, die weg'ge Mütze, der abgerissene Mantelknopf, mein leerer Geldbeutel und auch mein geplündertes Sparkonto. Als ich dann schließlich, von allem Ballast befreit, davoneilte wie bei einer Flucht - kann man sich selbst entfliehen? - wendete ich mich noch einmal um. Dort, vor dem Saturn-Shop hielten sich die Kids, vor Vergnügen kreischend, rosa und schwarze BHs, geblümte Dessous und delikate Unterteile ungeniert an zur Belustigung stehen bleibender Passanten. Und ein größeres Mädchen sammelte, meinen Rat befolgend, alle Kassenbons in eine leere Tüte. Was sagst Du? Du hättest gern eine Tasse Kaffee? Gute Idee. Ich könnte auch einen gebrauchen. Gleich kocht das Wasser. Ich lege uns dazu eine schöne Musik auf. Aber Ravéls Bolero heute nicht.

(c) Angelika Obermann / Berlin


zurück zur Seite Angelika Obermann
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Im Rausch

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de