Geräusche


Angelika Obermann - Herbst 2010


Die Sonne war jetzt weit genug gewandert, um durch das Fenster die Frau in ihrem Bett und nun auch deren gar nicht schlafentspanntes Gesicht mit ihren Strahlen freundlich einzuhüllen. Von dieser plötzlichen Helle und einem Wärmegefühl erwachte die Frau, blinzelte und schloss geblendet schnell wieder die Lider. Trotz dieses kurzen Moments und einer seltsamen Benommenheit verwunderte sie sich, den Vorhang am Abend nicht zugezogen zu haben. Wieso? Unbestimmte Beunruhigung. Neuer Blinzelversuch hin zur Uhr auf dem Tisch. Was? Gleich 11 Uhr? Unmöglich! So lange hatte sie noch niemals geschlafen. Die Uhr musste stehen geblieben sein. Sie tickte ja auch nicht. Heute schien alles aus dem Lot geraten. Der Tag musste endlich in seine ordentliche Reihe gebracht werden. Die Frau schwang die Beine aus dem Bett und sie sah - ja, sie sah ihre Beine in ihren Jeans und oben - da, fühlte sie BH und Unterhemd. Grübeln darüber? Das wurde unwichtig, nachdem sie, langsam doch wach werdend, das Zimmer voll wahrnahm. Ihre aufgerissenen Augen sahen, was zu sehen nicht wahr sein dufte. Sie sah ein Stück vom viel zitierten falschen Film, in den sie selbst hin geraten schien. Auf dem gedeckten Abendbrottisch war die angebissene Blutwurststulle, bedeckt von Stuckbrocken, weißen Fetzchen der Deckentapete und weißem Mauerstaub. Stuhl und Sessel umgestürzt, ihr geliebter blauweißer Zwiebelmusterteller als Scherben bis zur Wand verstreut, dazwischen durch zerbrochenes Glas zerfetzt, das einst schöne Familienfoto. in einer Ecke, wie hingeschleudert, der große Stubenbesen. Und sperrangelweit stand die Zimmertür offen. Wahrhaft ein Total fremder Film hatte sie in dieses unbegreifliche Chaos gebeamt. Worte blitzen auf: Einbruch? Überfall? Rachefeldzug -von wem denn? Und nichts mitgekriegt hatte sie von alledem? Nichts gehört, gesehen? Die Frau wirft sich entnervt zurück aufs Bett, Augen deckenwärts, dorthin, wo ein spitzig rissiges Loch klafft. Das war der Platz der jetzt zerbrochen auf Blutwurststulle und Tisch verstreuten Stuckrosette samt den dazugehörenden Festhalte - Mörtel und Gebrösel.

Die Frau will, verdammt, sie muss sich erinnern. Anstrengen muss sich ihr wie gelähmt sich gebärdendes Gehirn. Die Stille ist gut zum Nachgrübeln. Ach, so schön still! Kein Hämmern, Bohren, Getrampel. Kein ohrenbetäubendes Pop-Getrommle und kein Türenknallen von rechts, links, oben, unten, dass in ihren Schränken die Gläser hüpfend klirren lässt. Die Frau atmet fast schon entspannt, tief durch. Sie blickt - Gewohnheit, zur Uhr« Halb 12? Wie das? War sie denn nicht stehen geblieben. Kein. Ticken und doch, der Sekundenzeiger drehte seine Runden - lautlos.

Sie packte die Uhr, schüttelte sie, schlug ungeduldig auf sie ein. Dazu auch schwiegen Uhr und Gehäuse. Stille!

Seltsam nur - aus diesem Widerspruch zwischen Stille, Bewegung und dem Chaosbild ihres Zimmers schien sich ihr abmühendes Gehirn einen Erinnerungs - Angelhaken zu basteln. Ja, da sah und hörte sie es wieder - in sich, nur Gelärme und Getöse, dass die Gläser empor sprangen und der Fußboden bebte. Kein Ausnahme - Hausfest war das. Es war, was sie seit Jahren schweigend ertragen hatte. Gestern Abend aber hatten ihre Nerven, ihr Herz, ihr Magen revoltiert. Sie konnte diese Kakaphonie von 1000 - Phongeräuschen nicht länger ertragen. Sie hört sich brüllen: “Ruhe? Ruhe! Ruhe!” Sie wummert gegen die Wände rechts und links. Sie trampelt gegen die da unten mit aller Kraft auf den Fußboden. Sie holt den Stubenbesen und stößt, statt mit dem Haarteil, mit dem Stielende gegen die Decke, gegen die Stuckrosette. Oben wirds nicht still, die Rosette ist dahin. « Und weil auch ringsum das Lärmen nicht aufhört, schleudert sie in ihrer verzweifelten Rage den schönen Teller gegen die Wand. Er trifft das Familienfoto, reißt es vom Nagel, Die scharfen Glassplitter zerfetzen die Fotografie und alles mischt sich am Boden traurig mit den Tellerscherben, Wie einen verschwommenen Film mit schwarzen Filmrisswunden sieht die Frau das vor sich. Ist der Film hier zu Ende? Nein, er beginnt wieder vor der Tür der Nachbarin. Die Frau sieht sich auf den Klingelknopf drücken. Ungeduld, Lange. Darm Wummern gegen die Wohnungstür. lange dauerts, bis die Nachbarin im schmalem Türspalt steht, sofort losschimpft und von unserer Frau mit gleich schlimmen Bösigkeiten überhäuft wird. Die Frauen heben drohend die Fäuste. Dann ist da der Kopf des Nachbarn hinter seiner Frau, auch schreiend, drohend. Dann muss der Mann seine Frau wohl abrupt in die Wohnung gezogen und die Tür heftig zugeschlagen haben. Die muss die Frau, die sich zu weit vorgebeugt Geräusche hatte, mit voller Wucht am Kopf getroffen haben. An dieser Stelle schwarzes Loch. Ende des Films für die Frau. Irgendwie kam sie zurück in ihre Wohnung, stolpernd über Stuhl und Sessel und auch in ihr Bett. Erst jetzt spürt die Frau, wie sehr ihr Kopf schmerzt, fühlt eine große Beule auf der Stirn. Der Film der Frau hat sich ausgeblendet.

Die Frau ist einigermaßen ins reale Heute zurückgekehrt. Etwas tun! Aber was? Vielleicht sich entschuldigen bei der Nachbarin? Versöhnungsversuch. Klingeln. Klopfen. Endlich die Nachbarin in schmaler Türöffnung, Die reißt den Mund weit auf, wie bei Beschimpfungen nötig. Aber kein Wort hört unsere Frau. Und als sie ihre erklärende Entschuldigung stammelt, hört sie ihre eigene Stimme nicht.

Viel später sehen wir die Frau auf der Straße. Sie weiß, wohin sie gehen will. Sie kennt die Gegend, die ist hier daheim. Trotzdem geht sie unsicher. Wackelig siehts aus. Dicht an den Hauswänden, immer versucht, sich mit der Hand sichernd entlang zu tasten, Wie auch soll ein Mensch sicher gehen, wenn er schon wieder in einen unheimlichen fremden Film geraten ist? Wie in einem Buch mit beweglichen Dingen und Figuren sausen Tracks vorbei, ohne zu brummen oder donnern, reißen Hunde die Mäuler weit, ohne zu bellen, der Obsthändler hebt anpreisend die Ananas in die Höhe, präsentiert lachend seine weißen Zähne, oh-ne zu rufen. Sich jagende neckende Kinder, auch sie mit weit offenen Mündern, sich bewegenden Lippen, lautlos, wie ihre flitzenden Roller. Eine stumme, jeden Ton, jedes Geräusch verweigernde Welt wirkt lebensfremd, so irreal. Drum ist der Frau jeder Schritt, obwohl sie den Weg sieht, wie ein Schritt in einen gefährlichen Abgrund.

Schließlich ist die Frau doch an ihr Ziel gelangt. Neben der Haustür das Schild: Ohrenarzt. Sie klingelt. Mehrmals. Sie dreht am Türknauf. Vergebens. Eine aufmerksame Passantin will helfen. Wieder ein auf-gerissener Mund, eifrige Lippen und ohne kein Ton. Unsere Frau zeigt auf ihre Ohren, zuckt mit den Schultern. Die Passantin fährt mit ihrer Hand eine Zeile entlang: "Mittwochs keine Sprechstunde". In der Aufregung hat unsere Frau dies übersehen. Und heute nicht Mittwoch? Ist sie auch noch aus der Zeit dieser Welt gefallen? Nun, trotz alledem lächeln beide, nicken sich zu. Alles Okay. Jede geht in ihre eigene Richtung davon.

Die Passanten, die der Frau auf deren Heimweg begegnen, halten sie für nicht ganz richtig im Kopf. Denn diese, wie in einem Endlos-Selbstgespräch wieder-holt ohne Pause: “Heute, nicht - Mittwoch. Donnerstag. Morgen. Nicht Mittwoch. Morgen.” Laut beschwörend schallte ihre Stimme weithin. Aber sie selbst kann das ja nicht hören.

Erst kurz. vor ihrem Haus, als ein Reklame - aufgeschönter Riesenlaster lautlos an ihr vorüber schwebte, beendet sie ihre Memo-Suade wie mit einem Fazit: “Geräusch? Nein. Keines!”

Übrigens gibt es noch einen imaginären Beobachter all dieser Geschehnis. Der schüttelt seine weises Haupt und resümiert ironisch: Diese Menschen - nie kann man es ihnen recht machen. Wie diese Frau. Erst verflucht sie alle Geräusche. Nun sehnt sie sie zurück.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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