Frag einfach mal


Angelika Obermann

- Essay -


Der Mann starrt gebannt hin zum bunten Gewusel auf der Mattscheibe. Sein Söhnchen neben ihm, so um die vier-fünf etwa, starrt ebenso dorthin. Ohne Bewegung, wie leblos beide. Sind's Puppen, Attrappen? Nein, es sind lebendige Menschen. Des Mannes Stimme ruft jetzt nach hinten ins Irgendwohin: “Hilde! Bring mir mal 'n Bier!” Die Kinderstimme, piepsig und noch ganz Papa-Echo: .,Mama, für mich 'ne Limo!" Ein langer Arm, ein kleiner Arm strecken sich nach hinten, ergreifen die wortlos gebrachten Flaschen, schütten den Inhalt glucksend in sich hinein. Und starren, starren zugleich auf den Bildschirm. Ich war unsichtbarer Zeuge. Ich kann's beschwören. Außer den Armen, den Schluckorganen und ab und an ein wenig der Pupillen Hin und Her hat sich an den beiden nichts bewegt. Wie lange sitzen sie schon so? Der ganze Körper vom Kopf bis zu den Beinen wie angeschmiedet, nur das auf dem Fernseher vorgeführte scheinbare Leben in den starrenden Blicken.

Keine ungewohnte Szene, nicht wahr? Familienalltag; des abends oder gar von früh an, bei Arbeitslosen zum Beispiel. Kein Grund, sich zu wundern, leider. Mich aber erstaunt doch; wie konnte Platon vor mehr als 2400 Jahren diese Szene aus unserem Hier und Heute so erschreckend bildhaft beschreiben? Nun, Platon war ein Philosoph. Philosophen sehen auf diese Weise; das Vergangene und Künftiges. Gleich mein Beweis. Zuvor aber gestehe ich, dass ich im Interesse des Kerns meiner Gedanken viel Schönes, Arges und Lehrhaftes dieser alten Geschichte zusammenreduzieren musste. Hört selbst:
Platon lässt hier, in dem, was er 'Höhlengleichnis' nannte, seinen Lehrer Sokrates in einem Dialog mit Glaukom folgende - uns im Prinzip nicht unbekannte - Szene vorführen.
Sokrates: “Stelle Dir Menschen vor in einer dunklen Höhle. Hier sitzen sie seit Kindheit gefesselt an Nacken und Schenkeln, so dass sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen können. Ein Feuer hinter ihnen beleuchtet eine so erhellte fensterähnliche Öffnung vor ihnen. Nun stelle Dir andere Menschen vor, die mit noch anderen Lebewesen dort vorübergehen. Große und kleine Geräte, Werkzeuge und jegliche Gegenstände tragen sie mit sich." Glaukom: “Ich sehe es deutlich vor mir.” Sokrates: “Natürlich spricht ein Teil der Vorüberziehenden miteinander, jedoch schwer verständlich.” Glaukom: “Ein seltsames Bild führst Du mir vor. Und seltsame Gefesselte.” Sokrates (mit einem kurzen Auflachen): “Sie sind uns ähnlich. - Und meinst Du, sie hätten je etwas anderes gesehen, als diese in der hellen Öff­nung erscheinenden Wesen? Und hielten sie dies nicht für das wirklich Seiende?” Glaukom: “Wie sollten sie, da sie zeitlebens nur in eine Richtung etwas wahrnehmen konnten.” Sokrates: “Wenn sie aber ihre Gesichter zueinander wenden könnten, wenn sie dann miteinander sprächen, würden sie untereinander all das, ohne es in Frage zu stellen, als das einzig Wahre bezeichnen?” Glaukom: “So muss es notwendig sein.” Sokrates: “Überlege nun, wie es wäre, wenn sie von den Fesseln befreit und danach durch neues Sehen und Hören auch neu denken und von ihrer engen Torheit sich ebenfalls befreien könnten.”
Schluss! Aus! Genug hab ich von dieser lebensfeindlichen dunklen Höhle. Was konkret Hintersinniges wollte uns Platon mit seinem Gleichnis sagen? Um das herauszufinden, bis in die letzten Gedankenschlupfwinkel zu erkennen, musste ich meinen Kopf draußen in der Natur von Sonne und Wind durchpusten lassen. Da tippte mir jemand auf die Schulter. Ich wandte mich. Glaubts oder glaubts nicht. Platon war's höchstselbst. Ich solle nicht davonlaufen, bat er. Er hätte noch eine andere, mir nicht unbekannte Geschichte. Die, für mich auf's Knappeste zusammengerafft, könnte mich beim Neubetrachten dem gesuchten Kern meiner Gedankenkette greifbar nahe bringen.
Ich sehe einen prächtig gerüsteten Ritter in stolzer Haltung auf einem ebenso prächtigen Rosse dahintraben. Bekannt kommt der mir vor. Ja wirklich, Parzival ist es. Wir sind im Mittelalter angekommen. Kurz zuvor hatte ihm ein rätselhafter Fischer in königlichem Gewand den erfragten Weg gewiesen und ihm gar das Wort genannt, das Einlas in die sonst Fremden verschlossene Gralsburg gewähren würde. Seltsam Großes schien sich anzukünden. Wir aber, Platon und ich, müssen Parzival nicht in die Burg begleiten. Wir wissen, was sich drinnen ereignen wird. Parzival, eingehüllt in überströmend herzliche Gastfreundlichkeit und gar in der Königin Mantel, wird staunend die Pracht der Säle, der Gewänder, Geräte bewundern. Liebliche Jungfrauen und eifrige Knappen werden ihm dienstbar sein. Zum Mahle dann, auf dem Ehrenplatz neben König Amfortas Seite, der auf einem Diwan ruht, wird Parzival erfahren: Amfortas kann weder sitzen, laufen noch reiten. Die höllischen Schmerzen seiner Wunde vermochten keine Heilkünste seit langem zu lindern oder heilen. Auch der noch immer blutende Speer, der gleich einem Menetekel durch den Saal getragen wird, konnte nicht Hilfe bringen. Von echtem Mitleid tief bewegt, hört es Parzival schweigend an und wird hernach von der hereingetragenen Gralschale bezaubert.
Doch die geheimnisvoll leuchtende Schale wurde wieder hinausgetragen. Alle Hoffnungen waren schon gestorben; für Parzival, für Amfortas. Am nächsten Morgen fand sich Parzival vor dem zugeschlagenen Gralstor wieder, mit Schimpf und Schande hinausgeworfen. Folgendes Zitat aus Wolfram von Eschenbachs Epos gibt in schönster Kürze Erklärung für die Tragik des Geschehens:
“Wir fallen vor dem Gral auf die Knie. Da erreicht uns auf einmal die Schrift: Es solle ein Ritter kommen, werde sein Fragen da vernommen, das Leiden habe ein Ende dann. Wenn aber Kind, Maid oder Mann dem Gaste gebe die Frage ein, solle dies Fragen unnütz sein. Der Schaden bleibe wie bisher. Nur, dass es schmerze noch viel mehr. Die Schrift sprach weiter: Habt Ihr es vernommen? Euer Warnen wird nichts frommen. Fragt der Gast nicht vor der ersten Nacht, verliere die Frage ihre Macht. Wird aber die Frage zur rechten Zeit getan, fällt das Königtum ihm zu. Und Amfortas wird genesen. Aber König ist er dann gewesen.”
Ach, wir wissen es. Parzival hat nicht gefragt. Warum? War sein Mitempfinden doch zu gering? Nein. Das Epos gibt vielfach Zeugnis von seinem hilfsbereiten Herzen. Doch hier war er ein Gefesselter. Sein Oheim Gurnemans hatte den jungen Parzival bei dessen Auszug in die Welt dringlich ermahnt, die höfischen Sitten des Rittertums nicht zu missachten und niemals viel zu fragen.
Sieh da. Auch Sitten, Gewohnheiten, Unsicherheiten, Ängste und manches noch können Menschen Fesseln anlegen, so nützliches Tun verhindernd, wie Fesseln und Ketten aus Stahl. Doch nur da, wo es an eigenem Urteil mangelt.
Jene in der Höhle dort hatten es von Kindheit an nicht gelernt, was das wahre Leben sei und was ihnen darin zustehe. Parzival nun war es durch die Sitten des Ritter­stands verboten, Amfortas die rettende Frage zu stellen.
Die rechte Frage zur rechten Zeit, das sei das Zauberwort. Und dies sei bereits der Kern meiner Gedankenkette, dozierte Platon mit erhobenem Zeigefrager. Und die Überraschung dabei wäre, es sei ein Dualkern. Zur Frage gehöre unabdingbar die zu erwartende Antwort. Fragen nur gebären Antworten - oder zumindest Antwortversuche. Und Antworten würden nie ohne zuvor notwendig gestellte Fragen zu finden sein. Wir haben also ein untrennbares Paar. Ihr Keim, ihr Kind aber ist dann unser Tun. Ein Gesetz des Dualkerns. Verblüfft schaute ich Platon an. Seine Worte projizierten in meinem Kopf das Bild eines schönen noch jungen Mannes mit dunkler Hautfarbe, der den Tausenden seiner ihm Zujubelnden Mut machte mit seinem “Yes, we can!”. Wir, sagte er, Wir! Und bestätigte noch: “Ich bin gekom­men, um zu fragen, Antworten anzuhören und gemeinsam dann das Mögliche zu tun.” Ja, so Barack Obama, der neue USA-Präsident - Platons Dualkern-Lehre und Ziel eines guten Anfangs.
Platon schien meine Gedanken zu lesen. Wieder tippte er mir auf die Schulter und bat: “Warte, ich möchte Dir noch sagen...” Ich aber: “Ja. Aber bitte morgen. Heute muss ich zuerst noch ...” und war schon am Wegsausen zu Vater, Söhnchen und Hilde, meinen drei Nachbarn, die bis zu dieser Stunde selbst noch nichts davon ahnten, wie sehnsüchtig sie auf meine von den Fesseln befreienden Fragen hofften. Platon entschwand als Nebelbild in seine Zeit. Ich bin sicher, er lächelte dabei zufrieden.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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