Der Elefant und die Schnecke

- Fabel -


Angelika Obermann - Mai 2010


Teil 1

Eine Elefantenkuh, die in schnellem Trab ihre kleine Herde einen Waldweg entlang führte, stoppte plötzlich. Da war doch eben etwas seltsames kleines gewesen. Was war das? Sie hieß ihre Gruppe warten, lief ein Wegstück zurück. Vor ihr, ganz unten, lag ein rundes nach oben hin spitziges winziges Ding, das in der Sonne goldbraun schimmerte. Die neugierige Elefantin, die so etwas noch nie gesehen hatte, wollte es gerade mit dem Rüssel aufheben, um es sich genau zu betrachten, als sich aus dem Ding etwas gelbliches herauswand - etwas lebendiges. Fast sah es wie ein kleiner Rüssel aus, sich zum Elefanten hinreckend. Aber nein. Vorn war ja ein kleiner Kopf, Augen, Fühler. Die Elefantin fragte verblüfft: “Wer bist Du?” Und das seltsame Geschöpf antwortete - wenn auch ohne hörbare Stimme oder Worte, so doch mit Körperbewegungen, mit Sprache der Augen und der Ausstrahlung ihres Körpers - “Ich bin eine Schnecke”. Die Elefantin, klug wie sie war. verstand zwar den Sinn der Botschaft, vieles jedoch blieb rätselhaft.

Die Elefantin wedelte nervös mit ihren großen Ohren, trat ratlos von einem Vorder­fuß auf den anderen, voller Angst, das kleine Geschöpf zu zertreten. Die Schnecke hingegen, gelassen und vertrauensvoll, blieb ruhig auf ihrem Platze. Sie führte vor, wie sie in ihrem Häuschen zu ihrem Schutze verschwinden konnte und wieder erschien. Sie machte in einer bewegungsreichen wortfreien Erklärung deutlich, daß sie ein so riesiges Tier, das kein tragbares Häuschen als Schutz braucht. noch nie gesehen habe. Vielleicht seien sie sich bisher nie begegnet, weil sie selbst eigentlich nur Nachts unterwegs sei.

Die Elefantin ihrerseits bestätigte dies. Sie wäre fast immer des Tags auf Wander­schaft. Und charmant fügte sie hinzu, es sei ein Glück, dass ein Zufall ihre Bekannt­schaft arrangiert habe.

Verlegen über sich selbst schwieg die Elefantin. Sie blickte sich in dieser Pause nach ihrer Herde und dem herumtollenden Nachwuchs um. Dadurch fiel ihr noch eine Frage ein: “Und wo sind Deine Kinder?”

Die Schnecke verzog ihren Mund zu einem breiten Lächeln. Mit dem Kopf wies sie aufs nahe Buschwerk, in dem sich winzige weiße Eierchen häuften. In ihrer wort­freien Sprache machte sie dazu deutlich, daß die Kleinen bald ausschlüpfen würden, bereits mit dem notwendigen Häuschen auf dem Rücken. Und, wie wunderbar, daß sie mit dem ersten Tag dann ganz allein, ohne jegliche fremde Hilfe im Leben zurecht kämen; jedes für sich allein. Allerdings, falls nicht ein hungriger Igel sich eines davon wegschnappe. Was die Schnecke bei diesem Fakt innerlich bewegte_ war nicht zu erkennen.

Dies traf den Familiensinn der Elefantin heftig. Ohne Abschiedsgruß wandte sie sich um und ging. Ihre Gruppe begrüßte sie mit fröhlichem Trompeten. Aber unsere Elefantin stapfte noch lange Zeit stumm ihrer Herde voran. Die Schnecke war auf ihrer Schleimspur davon geglitten, innerlich zutiefst verun­sichert, ob sie über ihre mutter-pflegefreie Brut wirklich ganz froh sein könne. Die Fabel zeigt, wie gut und lehrreich es sein kann, wenn sich völlig Fremde - auch Menschen - überraschend begegnen und dadurch in den Köpfen nach und nach neue Erkenntnisse heranwachsen.


Teil 2

Eine Elefantenkuh - wir kennen sie bereits - zwingt ihre kleine Herde zu einem fast mörderischen Tempo zurück zu dem Orte, von dem sie vor kurzem so mißmutig weggelaufen war. Diese 40 Kilometer schafften sie in einer Stunde und trafen dort, oh Staunen, die kleine Schnecke nur 2,7 Meter weiter auf ihrem Wege. Als begabte Mathematikerin konnte die Elefantin an der Schleimspur den Zeitunterschied flink ausrechnen. Und sie konnte sich nicht bremsen. diesen der Schnecke triumphierend um die nicht vorhandenen Ohren zu schlagen. Die kleine Schnecke aber, nicht dumm. fuhr dem vom Eil-Lauf erschöpften Riesen ihre Retourkutsche vor die noch wackeligen Beine: __Du Schlaukopf - weißt Du denn auch, wie lange ihr Elefanten auf unserer Erde lebt?" Die Elefantin stutzt, rechnet. verkündet stolz: _Fast auf den Tag genau gibt es uns seit 50 Millionen Jahren". Die Schnecke lächelt mitleidig. Mit ihrem Schwänzchen kritzelt sie eine Zahl in den Sand. die den Elefanten beinahe umhaut. Jeder kann's dort lesen. Einhundertfünfzig Millionen Jahre! Ja. auch fast auf den Tag genau. Die kleine Schnecke sucht den Blick des grauen Riesen vor ihr und signalisiert ihm so. daß nur so alt werden kann. wer sich in Ruhe die Zeit läßt. zu beobachten. zu überdenken. Erfahrungen zu sammeln und sich auch am Leben zu freuen. statt wie irre wegen fast nichts durch die Gegend zu stürzen.

Diese Wahrheit von der zwar kleinen aber durch Altersweisheit überlegenen Schnecke schluckt unsere Elefantin besser ohne Erwiderung. Statt dessen gesteht sie. verlegen stotternd. daß sie nur zurückgekommen sei. sich zu entschuldigen. Gekränkt weglaufen ohne Antwort und Gruß. das sei echt blöd gewesen. Die Schnecke nickt zufrieden mit dem Kopfe. Breit zieht sich ihr kleiner Mund zu einem besonders freundschaftlich fröhlichen Lächeln. Und damit war schon alles gesagt. Die Fabel bestätigt hier zum zweiten Male. wie gut und lebensnotwendig es ist. immer. aber vor allem nach Missverständnissen. über alles offen und möglichst ehrlich zu sprechen.


Teil 3

Der Elefant, die Schnecke und die Menschin Eine Menschin, also eine Frau, war zum Früchtesammeln im Busch unterwegs gewesen, just zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, wo sich Elefant und Schnecke zum ersten Mal begegnet waren. Aufmerksam hatte sie die Verständigungsversuche der beiden beobachtet.

Nanu - in der Tierwelt gab es ja fast die gleichen Probleme des Lebens, wie auch bei ihr selbst. Auch sie, auch ihre Freunde waren in heiklen Situationen gekränkt sprachlos weggelaufen. Sollte hier das Weglaufen der Elefantin ein trauriger End­punkt gewesen sein? Sie beschloss, zu warten, was weiter geschehen würde und was die kleine Schnecke täte. Ihr Warten war nicht vergebens. Die Elefantin war zurück gekommen. Eine Ent­schuldigung und ein verzeihendes Lächeln schien alles geklärt zu haben. Alles? Für immer zwischen dem großen Schnellen und der winzigen Langsamen? Und künftig dann?

Die Menschin faßte sich ein Herz, trat auf den Weg und sprach: “Jetzt sind wir drei. Drei ist eine gute Zahl für den Anfang eines Freundesbundes. Unsere Menschen-sorgen auf dem Erdball gleichen den Euren. Wollen wir's nicht gemeinsam ver­suchen, daß alles für alle friedlich besser gelingt?” Der Elefant murmelte aner­kennend: ..Donnerwetter! Sogar diese Menschen scheinen endlich klug zu werden..." Die Schnecke suchte mit ihren sprechenden Blicken die Augen der Menschin, nickte ein ,Ja' und lächelte froh. Die Elefantenkuh rief flink ihre Herde hinzu. Dann redeten. berieten. planten sie. Lange, lange ging dieses Sprechen. Von überall kamen Tiere und Menschen hinzu. Ja. selbst Bäume und Pflanzen hatten rauschend und wispernd manches Kluge einzubringen. So unendlich Vieles gab es zu bereden und zu tun auch. Das dauerte Tage, Wochen, Jahre. Bis heute sogar.

Und weil dieses Heute ein hochtechnisiertes Jetzt ist, erlaubt sich die Fabel auch ein solches Fazit: Für alles, was einem friedlichen Leben dient, gilt das Zauberwort, nämlich die Multidisziplinarität. Wie, Sie kennen dieses Wort noch nicht? Schauen Sie doch einfach im Internet nach.

(c) Angelika Obermann / Berlin


zurück zur Seite Angelika Obermann
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Der Elefant und die Schnecke (Fabel)

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de