Blätter (weiße)


Angelika Obermann


Ich blättre. Behutsam, andächtig fast. Ein Buch ist schließlich eine wundersam geheimnisvolle Sache. Es fordert meine aufmerksame Achtung. Ich blättere. Lasse die Seiten, nein, richtiger die Blätter, als ob ich sie zählte, leise kratzend oder klickend an meinem linken Daumen vorüberstreifen. Für dieses Geräusch will mir kein rechtes Wort einfallen. Dabei ist es so typisch, dass jeder Buchliebhaber, beispielsweise bei einem Radio-Quiz, auf die Frage: "Was höre Sie jetzt?", ohne zu zögern antwortete: "Das ist ein Buch." Richtig! Gewonnen! Ein Quiz schwimmt erfahrungsgemäß stets an der Oberfläche. Die Sorte, die Qualität des Papiers bliebe ungefragt. Ein echter Buchfan wüsste zu ergänzen, dass trotz des Schnellblätter-Grundgeräuschs bei rauhem oder glattem Papier, bei dickerem oder dünnem, bei nachgiebig weichem, besondere Klangfarben mitschwingen. Wichtig zu wissen? Aber ja, denn die Qualität des zur Buchherstellung gewählten Papiers kann einiges verraten über die literarische Qualität eines Buches, über das Genre und andere Besonderheiten des Inhalts. Wo ein Experte am Werke war, wurde sorgfältig - so hoffe ich - erwogen, welche Blattstärke, welche Papiersorte, welche Tönung dem Autor und seinem niedergeschriebenen Gedachten gerecht wird.

Sie, nicht wahr, könnten sich Stefan Zweigs Schachnovelle kaum vorstellen auf grau stumpfen, romantisierend cremigem Ton oder auf grell kalkweiß. Der Text der Schachnovelle wird sich wie auch die schönen Zeichnungen eines berühmten Illustrators beinahe plastisch von schlicht klarweißen Blättern abheben. Weiß ist eben nicht gleich weiß. Nicht dick werden diese Blätter sein, nicht störrisch werden sie knistern, nicht zu dünn flatterig beim Blättern aus den Fingern gleiten wollen. Garantiert holzfrei wird das Panier zwar geschmeidig fein doch von solcher Konsistenz sein, dem die Blattränder beim Immer-und-immer-Wiederlesen allen Verletzungen entgehen. Stefan Zweig würde es so gefallen haben.

Zu Beginn war ich gestolpert über die Begriffe Seiten und Blätter, sicher, weil man zumeist nur die Buchseiten erwähnt. Selbst wenn vom Blättern die Rede ist. Schmählich werden dabei die Blätter übergangen. -- Blätter? Ach ja, die Blätter. Die natürlich auch... Aber es ist mit denen ähnlich wie mit den Mauern für ein Haus? Ohne die außen kein Innen. Worauf sollte man denn tapezieren, malern, wo Leitungen und Anschlüsse installieren? Tja, und ohne Blätter beschnitten und geheftet, gäbe es nicht die Seite 1, wenden, Seite 2 , Seite 3, bitte umblättern, Seite 4 und so weiter und so fort. Bis zum letzten Blatt vor der Einband-Rückseite. Ohne die Blätter also wäre der Setzer hilf- und arbeitslos. Die Lettern in Luft und Winde drucken? Na. Sie sind mir ein Spaßvogel! Loben wir drum die Blätter; die Seiten aber auch. Beide sind ein untrennbares Team, ohne das es keine Bücher gäbe. So, genug des Geblättres und Gechwätzes. Das Buch zugeklappt. Mit frohem Besitzerstolz über den schön genoppten Leineneinband gestrichen. Jetzt kann ich dieses Buch meines Lieblingsautors zu lesen beginnen.

Ich könnte, wenn ich könnte. Aber ich kann es nicht. Meine Augen weigern sich, meine beiden Makula streiken. Was nun? Ich, lege die Hörbuchkassette eben dieses Autors in meinen Kassettenrekorder. Ich höre. Sie aber werden jetzt ernsthaft böse. Wozu dieser Zirkus um das Buch? Sie können nicht lesen. Wir auch nicht. Das ist Ihnen bekannt. Ich nun, ungerührt, verrate Ihnen ein Geheimnis. Dieses Buch habe ich mir erst heute gekauft, als ich das Hörbuch bereits besaß. Es war einfach das Bedürfnis, dieses Buch in der Hand zu haben, darin zu blättern, es nach Hause zu tragen. Jetzt ist das mein Buch! Ja, ich wiederhole mich: Ein Buch ist eine wundersam geheimnisvolle Sache. In ihm ist eingeschlossen, was einst geschah und geschehen sein könnte. Die Fragen und Antwortversuche, die Hoffnungen und Enttäuschungen, Schrecken und Hilfe, und natürlich auch großes Staunen und Glück. Menschen wandeln zwischen den Blättern, den Seiten, die es hart haben mit ihren Auseinandersetzungen, mit ihren Nebenmenschen, ihrem eigenem Inneren oder allem, was da in der Umwelt und im All kräucht und fleucht. Sie könnten siegen oder untergehen, oder, wenn es gut ginge, etwas gelernt haben. All dieses Eingesperrte wird befreit werden beim Lesen mit den Augen oder den Ohren. Nein, es ist nicht ein bisschen verrückt, sich ein Buch zu kaufen, wenn die Augen "Nein" sagen. Es ist fürwahr ein sinnlicher Genuss, es zu erfühlen, mit den Fingern zu erkunden. Und dabei, vielleicht sich den Schauspieler, den begnadeten Sprecher im Studio am Mikrofon vorzustellen. Er hält ein Buch in der Hand. Er spricht ein Hörbuch auf Band, auch für uns. Eine sensible Regisseurin könnte mit dem Toningenieur ausgetüftelt haben, wie dezent das Blättern unter der Stimme hörbar sein kann. Und so erlebe ich, erleben wir, beim nächsten Hörbuch-Lesen, wie der Sprecher blätternd den richtigen Abschnitt im nächsten Kapitel sucht. Und deutlich ist zu erleben, wie er lesend, Seite um Seite, nein richtiger, Blatt um Blatt umwendet. Natürlich, ein Hörbuch ist doch auch ein Buch mit Blättern und Seiten.

(c) Angelika Obermann / Berlin


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